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»Und nichts mehr wurde, wie es war…«

Das neue Buch unseres Mitglieds Michael Moos

Rezension von Angela Furmaniak

RAV-Mitglied Michael Moos hat sich mit seiner schwäbisch-jüdischen Familiengeschichte befasst und diese in einer lesenswerten Biografie festgehalten. Der rote Faden: Kontinuitäten des Nationalsozialismus in der deutschen Geschichte.

»Nach der Entwicklung der Dinge, die Sie aus den Tageszeitungen bereits entnommen haben, können wir Ihnen nur dringend von der Fortsetzung des juristischen Studiums abraten.« So lautete die Empfehlung des Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens e.V. an den Ulmer Juden Alfred Moos in einem Schreiben von April 1933. 

Einige Wochen zuvor hatte dieser bereits seinen Studienort Berlin verlassen. Zum Glück, denn kurz darauf erkundigte sich die Gestapo bei seinem Vermieter nach ihm, dem Mitglied der KPD-nahen Roten Studentengruppe und aufrechten Antifaschisten. Sein Studium gezwungenermaßen abzubrechen, fiel Alfred Moos nach seinem Bekunden »wahnsinnig schwer«. Über London emigrierte Alfred Moos 1935 – versehen mit einem Empfehlungsschreiben seines Großcousins Alfred Einstein – nach Palästina, wo er sich als kaufmännischer Angestellter durchschlug. Seine Frau Erna folgte wenig später. Ein großer Teil der jüdischen Familien der beiden wurde während der Shoah ermordet, anderen gelang die Emigration.
1947 wurde in Tel Aviv Ernas und Alfreds erster Sohn Michael geboren. Im Jahr 1953 kehrte die Familie nach Ulm zurück, mit Alfreds optimistischem Ziel, ein »neues, sozialistisches Deutschland« mit aufzubauen.

41 Jahre, nachdem Alfred Moos das Jurastudium abbrechen musste, wurde sein Sohn Michael Moos in Freiburg als Rechtsanwalt zugelassen. Michael Moos war früher Mitglied des Kommunistischen Bund Westdeutschland (KBW) und später auch lange für die Linke Liste im Gemeinderat Freiburg. Der engagierte Strafverteidiger gründete die Vereinigung baden-württembergischer Strafverteidiger mit, die erst kürzlich in Strafverteidigerinnen und Strafverteidiger Baden-Württemberg umbenannt wurde. Außerdem ist er langjähriges Mitglied des RAV. 

In dem jüngst im Verlag klemm + oelschläger erschienenen Buch »Und nichts mehr wurde, wie es war…» setzt sich Michael Moos mit seiner schwäbisch-jüdischen Familiengeschichte auseinander und schildert sein Leben in Tel Aviv, Ulm und Freiburg. Er erzählt von seinem Engagement für den Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS), seinen Erlebnissen als Verteidiger von Angehörigen der RAF in Stammheim und seiner Beobachtung durch den Verfassungsschutz. Weil Moos mit anderen eine CDU-Veranstaltung mit Kohl und Filbinger gestört hatte, musste er sich sorgen, seine Anwaltszulassung aufgrund einer strafrechtlichen Verurteilung wegen Landfriedensbruch zu verlieren.

All diese biografischen Momente stellt der Autor anschaulich und gespickt mit Anekdoten dar. Dabei scheint immer wieder eine kritische Reflektion der politischen Entwicklungen der deutschen Linken durch. Davon hätte das Buch durchaus mehr vertragen können.

Bedrückend ist die Beschreibung des langen juristischen Kampfs um eine finanzielle »Wiedergutmachung» für die Mutter Erna Moos, die aufgrund der Verfolgung und Vertreibung in der NS-Zeit psychisch erkrankt war.

Wie ein roter Faden durch das Buch ziehen sich die Erlebnisse des Autors mit den personellen und ideologischen Kontinuitäten des Nationalsozialismus, die ständige Anwesenheit von Antisemitismus und die über die Generationen weitergegeben Traumata, die aus der Judenverfolgung resultieren. Michael Moos, der erst als Erwachsener in der Lage war, sich mit seiner Identität als Jude auseinanderzusetzen, beschreibt, wie die Fragen, »Wie konnte das geschehen?» – und vor allem »Was müssen wir daraus lernen?» mehr und mehr sein Denken und Handeln bestimmten.

Das reich bebilderte Buch lohnt die Lektüre. Der Werdegang eines linken Rechtsanwalts und Strafverteidigers vor dem Hintergrund der familiären Verfolgungsgeschichte und die kurzweilige Beschreibung der politischen Erlebnisse des Autors vor allem in den 70er- und 80er-Jahren ist nicht nur für jüngere RAV-Mitglieder interessant. Das Buch vermittelt die Geschichte der BRD und ihrem nationalsozialistischen Erbe anhand einer persönlichen Erfahrung.

Angela Furmaniak ist Rechtsanwältin und Strafverteidigerin in Lörrach und Freiburg. Sie ist die Vorstandsvorsitzende des RAV.

Michael Moos
»Und nichts mehr wurde, wie es war…«
Die Geschichte der schwäbisch-jüdischen Familie Moos und mein Leben in Tel Aviv, Ulm und Freiburg.
Verlag: klemm + oelschläger
ISBN 978-3-86281-193-9