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Nach der Lektüre kann man nicht mehr verdrängen

Leseempfehlung für das Buch »Gegen Frauenhass«

Lukas Theune

Bedrückend und erhellend zugleich schreibt Christina Clemm in ihrem neuen Buch »Gegen Frauenhass« über misogyne Gewalt. Sie schildert – verfremdet, aber realistisch – Geschichten von Mandant*innen, erklärt Fachbegriffe, nennt Zahlen und stellt Forderungen auf. Über einzelne Suggestionen zu Staatsanwaltschaften und Gerichten lässt sich streiten. Unterm Strich gilt: Dieses Buch ist Pflichtlektüre – vor allem für Männer.

Während die Berliner Rechtsanwältin Christina Clemm im Sommer 2023 die letzten Zeilen ihres neuen Buchs »Gegen Frauenhass« verfasst, wird das System Rammstein öffentlich bekannt. Bei Aftershow-Parties der Band soll Sänger Till Lindemann Medienberichten zufolge sexualisierte und sexuelle Gewalt gegen eine große Zahl junger Frauen(1) und minderjähriger Mädchen ausgeübt haben, offenbar ermöglicht durch ein perfides, gut durchdachtes System.
Fast genauso traurig stimmt es, wie Beschuldigte und weite Teile der Öffentlichkeit auf die mutigen Betroffenen reagieren, die das Ganze öffentlich machen. Fassungslos sehen wir mit an, wie Lindemanns Verteidigungssystem in Stellung geht, es hagelt Unterlassungsverfügungen gegen Betroffene und Medien. Die Konzerte gehen weiter, die Tickets werden weiter verkauft, the show can go on, als wäre nichts passiert. Ein aktuelles Paradebeispiel, das zu den vielen Geschichten passt, von denen das Buch »Gegen Frauenhass« erzählt.
Dessen Autorin Christina Clemm ist RAV-Mitglied, lebt in Berlin und vertritt im Bereich Straf- und Familienrecht seit bald 30 Jahren Opfer geschlechtsspezifischer und rassistischer Taten. Lebensnah und bedrückend schildert sie misogyne Praktiken anhand fiktiver Biografien wie der von Marta, die Lovebombing am eigenen Leib erfährt, also die anfängliche Bombardierung mit Zeichen der Zuneigung durch den Partner, der die Frau so gefügig machen, und letztlich beherrschen will. Ein anderes der vielen traurigen Beispiele ist das Paar Mirko und Lisa: Sie kennen sich aus dem Studium, sie heiraten, am Ende bringt er sie um. Beim Lesen wird deutlich, die einzelnen Praktiken unterscheiden sich, aber dahinter stehen oft dieselben Mechanismen.

Wenn es 24 Stunden lang keine Männer gäbe…

Eine weitere Kernaussage des Buchs lautet: Gewalt gegen Frauen, non-binäre und trans Menschen, ausgeübt von Männern, gibt es überall. Jede dritte Frau ist schon einmal von sexueller oder sexualisierter Gewalt betroffen gewesen. Übergriffe finden überall und ständig statt. Für viele Frauen prägt die erfahrene Gewalt – aber auch die Sorge davor – das Leben: Sie fahren lieber nicht Taxi, vermeiden bestimmte Orte, wählen ihre Wege durch die Stadt, ihre Kleidung und sogar ihren Arbeitsplatz oft nicht entsprechend ihrer eigenen Wünsche, sondern nach dem Kriterium, wie sie männlicher Gewalt entgehen. Das untermauert die Autorin mit einer Umfrage, in der Frauen gefragt wurden, was sie tun würden in einer Welt, in der es 24 Stunden lang keine Männer gibt. Die häufigste Antwort lautete: nachts in der Stadt spazieren gehen.

Was geht das mich als friedlichen Mann an?

Männer tun oft so, als ob sie diese Lebensrealität nichts anginge, solange sie selbst keine Gewalt ausübten. Doch vom linken Festival Monis Rache über Nahbeziehungen in bürgerlichen Kreisen bis hin zum Menschenhandel und Vergewaltigung als Kriegsmethode: Christina Clemm zeigt auf, dass es in unserer Gesellschaft keine Sphäre gibt, in der Frauen sicher sind. Ihre intersektionale Perspektive des Buchs macht zudem deutlich, dass einige Frauen besonders gefährdet sind und dass sich verschiedene Unterdrückungssysteme verschränken. So kann eine Betroffene zum Beispiel gleichzeitig mit sexistischer und rassistischer Gewalt konfrontiert sein.
Auf 256 Seiten gelingt es Christina Clemm, die Geschichten von Betroffenen zu verweben mit allgemeinen Informationen, wissenschaftlichen Nachweisen und Statistiken zum Thema Gewalt gegen Frauen. Klar und einfach erklärt sie Begriffe wie »Catcalling«, »Gaslighting« und »Lovebombing«. Außerdem erfahren wir, wie die misogyne Männergruppe, die sogenannten Pick Up Artists, und Maskulinisten, agieren.
Welchen Effekt haben diese Informationen auf Männer wie mich, wenn sie das Buch lesen? Zunächst einmal lerne ich eine neue Selbstbezeichnung: »Unbetroffener«. Über diese Gruppe schreibt Christina Clemm: »(…) was nur die wenigsten Unbetroffenen wahrhaben wollen, ist, dass es schlicht keinen sozialen Raum gibt, der mit Männern geteilt wird und der frei ist von dieser Art der Übergriffe.« Es ist zwar nicht so, dass ich diesen traurigen Umstand nicht wahrhaben will, doch ich gebe zu: In öffentlichen Verkehrsmitteln, im Taxi, in der Sauna, beim Arzt, im Büro, im Park und an so vielen anderen Orten, die für Frauen gefährlich sein können, bewege ich mich völlig frei und ohne Angst.  Das sollten sich auch andere Männer häufiger bewusstmachen, es könnte die Empathie für Betroffene erhöhen.

Mehr Geld für Polizei und Staatsanwaltschaft?

Etwas irritiert hat mich an diesem Buch der mehrfach wiederholte Hinweis auf fehlende personelle und finanzielle Ressourcen von Polizei und Staatsanwaltschaft. Dadurch wird suggeriert, mit mehr Polizeibeamt*innen und Staatsanwält*innen ließe sich das Problem in den Griff kriegen. Gleichzeitig stimmt es, wie die Autorin schreibt, dass abolitionistische Praktiken und Versuche, einen Umgang mit sexualisierter Gewalt jenseits staatlicher Strafstrukturen zu finden, oft scheitern. Viel zu häufig werden dabei die Betroffenen allein gelassen, während Täter unbehelligt oder gar gestärkt davonkommen.
Will man andere Formen der gesellschaftlichen Verantwortungsübernahme für männliche Gewalt etablieren, muss dies ernsthaft und konsequent geschehen. Sonst bleibt den Verletzten nur der Rückgriff auf den Staat, der eben nur Polizei und Staatsanwaltschaft sowie das veraltete Sanktionssystem des Strafgesetzbuches anzubieten hat.

Frauenhass ist ein Männerproblem

Nach der Lektüre von »Gegen Frauenhass« kann man nicht mehr vergessen und verdrängen, dass die Gewalt und der Hass gegen Frauen alle in unserer Gesellschaft beschäftigen müssen. Wollen wir eine Welt, in der Gewalt gegen Frauen ubiquitär ist? Frauenhass, so schreibt Christina Clemm, ist kein Frauen-, sondern ein Männerproblem. Und es ist der Kitt, der – von extrem rechten Kreisen bis in die sogenannte Mitte der Gesellschaft – alles zusammenhält.
Gerade wir als fortschrittliche Anwält*innenschaft, die wir uns gegen Machtmissbrauch und für gleiche Rechte für alle engagieren, können und sollten das nicht hinnehmen. Für Leser, die dies verstehen, kann die Konsequenz nur sein, sich dem feministischen Kampf gegen Frauenhass anzuschließen, verkrustete patriarchale Machtstrukturen nicht länger zu akzeptieren, sondern aufzubrechen. Das kann damit anfangen, nicht über sexistische Witze zu lachen oder bloß wegzuhören. Doch das reicht nicht. Männer müssen aktiv den Mund gegen Sexismus aufmachen, wo immer er ihnen begegnet.
Das Buch endet mit einem Forderungskatalog, den Christina Clemm gemeinsam mit Katja Grieger, der Co-Leiterin des Bundesverbands der Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe, erstellt hat. Ihre Vorschläge an uns: Verpasst keine einzige feministische Demo! Macht Öffentlichkeitskampagnen, in denen die Täter adressiert werden und Männlichkeit hinterfragt wird! Setzt Euch für mehr Anti-Gewalt Kurse für Männer ein! Im Buch findet ihr noch viele weitere Vorschläge. Lasst uns alle dieses Buch lesen, die Forderungen umsetzen und versuchen, einen Beitrag zu leisten für eine Welt mit weniger Frauenhass.

Lukas Theune ist Rechtsanwalt in Berlin und Geschäfts­führer des RAV

Christina Clemm, »Gegen Frauenhass«
Hanser Berlin, 256 Seiten
ISBN : 978-3-446-27731-1
Preis: 22 €, erschienen am: 4.9.2023

Endnote
(1)   Das Gendersternchen (*) hinter dem Wort »Frau« dient als Verweis auf den Konstruktionscharakter von Geschlecht. Frauen* bezieht sich auf alle Personen, die sich selbst als Frau definieren und/oder die von anderen als Frau definiert werden.