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Jenseits unserer Haut

Körper als umkämpfter Ort im Kapitalismus

Katrin Brockmann

Was ist jenseits unserer Haut? Sind es unsere Körper oder ist es die Welt?
Silvia Federici materialisiert mit ihrer Perspektive unsere Körper für politische Fragestellungen. Der englische Untertitel der Originalausgabe aus dem Jahr 2020 lautet: Rethinking, Remaking und Reclaiming the Body in Contemporary Capitalism.

In den Essays – erweiterte und überarbeitete Vorlesungen –, die sie am California Institut for Integral Studies 2015 hielt, überdenkt sie ihre eigenen Positionen seit den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Federici, Philosophin und politische Aktivistin, hatte schon Marx` Theorie zur ursprünglichen Akkumulation der Arbeitskraft als zu kurz gesprungen kritisiert. So würdigt Marx nicht, wie sehr Hausarbeit und Care-Arbeit ebenfalls unabdingbar für die kapitalistische Gesellschaft sind. In ihrem Buch »Caliban und die Hexe« beschrieb sie die Zurichtung der Frauen durch die Hexenverfolgung und den Kampf gegen ihre Fähigkeit und Möglichkeiten, über die Anzahl der Kinder, die sie zur Welt bringen wollen, selber zu entscheiden. Sie sah die Geschichte der Verfolgung von Frauen als eine wesentliche und bisher unzureichend gewürdigte Voraussetzung für die Funktionsweise des Kapitalismus und seiner Ausbeutungsformen an.

Federici beschreibt mit den Essays zunächst die Extreme der wissenschaftlichen Diskussionen als einerseits Überdeterminierung durch das Biologische – »Genetik ist Schicksal« – und andererseits feministische Theorien, die performative oder textuelle Repräsentationen von Körpern vor biologische Faktoren stellen. Aus diesem Spannungsfeld entwickelt sie die Fragen: Ist Frau noch immer eine notwendige Kategorie für feministische Politik, und wie sollen wir die neuen Reproduktionstechnologien einordnen? Dabei legt sie sich kämpferisch mit allen an, heißen sie Donna Haraway oder Judith Butler.

Der Stil der Essays verrät den Charakter der zu Grunde liegenden Vorlesungen. Die Leidenschaft ihres Vorbringens lässt manchmal vergessen, dass Federici teilweise auch ohne Argument andere Auffassungen ablehnt. Wer die kämpferische Tonlage aushält, kann jedoch die ausgezeichnete Darstellung vieler feministischer Kämpfe in den USA und Europa (beispielsweise zur Bezahlung von care-Arbeit), die Schilderung von Irrwegen feministischer Bewegungen und die Gedanken von Federici zum Körper als Grundlage des Widerstandes zum Bedenken eigener Vorstellungen in diesen wichtigen Fragen nutzen.

Silvia Federici, Jenseits unserer Haut. Körper als umkämpfter Ort im Kapitalismus.
Unrast Verlag, Münster 2020
(Titel der Originalausgabe: Beyond the Periphery of the Skin. PM Press, Oakland 2020)

Katrin Brockmann ist Rechtsanwältin in Berlin und RAV-Mitglied.