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›Den Bauch regieren‹

EIN MIITELALTER ›MADE IN THE USA‹

Volker Eick

Vor wenigen Monaten jährte sich die Entscheidung Roe v. Wade des Obersten US-Gerichtshofs (410 U.S. 113 (1973)). Damit hatte der Supreme Court bis dahin geltende Landes- und Bundesgesetze für verfassungswidrig erklärt und das Recht auf Schwanger­schaftsabbruch – gestützt auf den 14. Verfassungszusatz, der u.a. das Recht auf Privatsphäre garantiert – kodifiziert. Die Entscheidung wird seitdem immer wieder angegriffen.
Die an der University of California in Irvine lehrende Juristin Michele Goodwin legt die umfassende Kontrolle von Frauen als ›Körper‹ und die Kriminalisierung ihrer Reproduktivität auch in historischer Perspektive und damit als von Kolonialismus, Klassenlage und race geprägter Ungleichheit in den USA dar.
Einerseits sei für »wohlhabende Frauen (unfruchtbar oder nicht) die reproduktive Privatsphäre ein greifbares Konzept« (S. ix). Per Computertaste könnten sie »Sperma kaufen, eine Gebärmutter mieten, Eizellen beschaffen und eine passende Klinik für die Entnahme, Einnistung oder Embryonalentwicklung auswählen«, alles Waren und Dienstleistungen, die kaum staatlicher Regulierung unterliegen. Im Gegensatz dazu stehe »ein ganz anderer reproduktiver Raum« (ebd.) zur strafrechtlichen Verfolgung mittelloser, häufig farbiger schwangerer Frauen. Armut und Drogenabhängigkeit oder Drogenkonsum während der Schwangerschaft haben rechtliche Konsequenzen, die bis zur Androhung lebenslanger Haft, der Entbindung im Gefängnis und zur Fesselung während der Wehen führen können, (Kap. 1).
In einigen Staaten bieten Staatsanwältinnen und Staatsanwälte reduzierte Strafen für Frauen (aber auch Männer) an, die einer Sterilisation zustimmen (Kap. 2). Andere Bundesstaaten kriminalisieren Frauen wegen Fehl- und Totgeburten oder wegen ihres Lebenswandels während der Schwangerschaft. Begründung: ›Schutz des ungeborenen Lebens‹ (Kap. 3). Goodwin analysiert mehr als die reine Abtreibungsgesetzgebung (Kap. 4). Medizinisches Personal steht in z.T. in Komplizenschaft gegen Schwangere (Kap. 5), was u.a. medizinethische Fragen aufwirft (Kap. 6). Selbst wenn es dem Staat um den Schutz ungeborenen Lebens ginge, seien weder Kriminalisierung, noch Unterminierung von Grundrechten (Kap. 7 u. 8), geschweige denn eine danach orientierte Entwicklungshilfepolitik notwendig (Kap. 9). Dass der Staat (vor allem arme und schwarze) Frauen als »Behälter« (S. 148) bezeichnet und so behandelt, erfordere einen »New Deal für reproduktive Gerechtigkeit« (Kap. 10), um das Mittelalter im 21. Jahrhundert zu beenden.

Michele Goodwin, Policing the Womb. Invisible Women and the Criminalization of Motherhood (Cambridge University Press: Cambridge 2020)

Volker Eick ist Politikwissenschaftler und Mitglied im erweiterten Vorstand des RAV.