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Zur medizinischen Versorgung von Geflüchteten

Defizite - strukturell und politisch

THOMAS KUNKEL UND INGEBORG OSTER 

Nach dem Grenzübertritt kommen Geflüchtete für einige Stunden bis wenige Tage zunächst in Aufnahmezentren. Sie werden dort registriert und einer ersten orientierenden körperlichen Untersuchung durch Sanitäts- und z.T. ehrenamtliches Hilfspersonal unterzogen. Die Untersuchung beinhaltet eine Messung der Körpertemperatur sowie den Ausschluss von Kopfläusen, Skabies (Krätze), Wunden und allgemein akuten Erkrankungen. Behandlungsbedürftige Befunde werden an die umliegenden Krankenhäuser oder ambulant tätige Ärztinnen und Ärzte weitergeleitet.
Vom Aufnahmezentrum werden die registrierten Geflüchteten in eine Erstaufnahmeeinrichtung (EAE) weitergeleitet. Neben dem Stellen des Asylantrags erfolgt in diesen Gemeinschaftsunterkünften die medizinische Erst­untersuchung nach § 62 Asylverfahrensgesetz (AsylVfG) und § 36 Infektionsschutzgesetz (IfSG). Durch diese körperliche, Blut- und Stuhl­untersuchung sollen übertragbare Infektionen, wie z.B. Hepatitis B, HIV (nicht überall, aber u.a. in München) oder Darminfektionen ausgeschlossen werden. Zum Ausschluss einer Lungen­tuberkulose ist es gesetzlich vorgeschrieben, dass Asylsuchende ab dem Alter von 15 Jahren bei der Aufnahme in eine Gemeinschaftsunterkunft geröntgt werden. 

GEFLÜCHTETE ANFÄLLIGER FÜR INFEKTIONEN 

Ab hier unterscheidet sich die weitere Versorgung akuter und behandlungsbedürftiger chronischer Erkrankungen zwischen Kommunen und Ländern. In der Erstaufnahmeeinrichtung Bayernkaserne in München stellt die NGO ›RefuDocs‹ eine medizinische Ambulanz zur Verfügung, in deren Sprechstunden wochentags Dolmetscherinnen und Dolmetscher anwesend sind. Neben Allgemein-, Kinder- und Frauenärztinnen und -ärzten sind wechselnde Fachrichtungen an einzelnen Tagen anwesend sowie zweimal wöchentlich Psychiaterinnen und Psychiater sowie Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten für Erwachsene, Jugendliche und Kinder.
Grundsätzlich leiden Asylsuchende unter den gleichen Infektionskrankheiten wie alle anderen Teile der Bevölkerung in der BRD. Durch die Strapazen der Flucht, fehlenden Impfschutz und die enge räumliche Situation in den Aufnahmeeinrichtungen und Unterkünften sind sie jedoch häufig anfälliger für Infektionen. Insofern ist das Krankheitsspektrum in der Sprechstunde ähnlich wie in einer ›normalen‹ allgemeinmedizinischen Praxis: Infekte der oberen Atemwege, Kopf- und Bauchschmerzen, Beschwerden im Bewegungsapparat, Hautkrankheiten, oberflächliche Wunden, Bluthochdruck und Diabetes mellitus. Die Zahl der Patientinnen und Patienten mit Krätze, Kopfläusen, Zahnproblemen und psychischen Beschwerden hat zugenommen.

ASYLSUCHENDE EINE SELBST GEFÄHRDETE GRUPPE

Schwangere erhalten in den wenigen Tagen des Aufenthaltes die kompletten Untersuchungen für den Mutterpass, ebenso wie Kinder die notwendigen Vorsorgeuntersuchungen und Impfungen. Wir wissen derzeit aber nicht, ob diese Art der (notwendigen) medizinischen Versorgung jenseits der Erstuntersuchung nach § 62AsylVfG und § 36 IfSG bundesweit in allen Erstaufnahmeeinrichtungen organisiert werden konnte. Die Infektionskrankheiten werden sehr akribisch durch die Gesundheitsämter und das Robert-Koch-Institut dokumentiert und überwacht. Bundesweit gab es etliche Fälle von Windpocken, Tuberkulose, Hepatitis (B, teilweise auch A und C), Rota- und Norovirus-Infektionen, sowie einige Masern-, Mumps- und Salmonellen-Infektionen. Sehr vereinzelt werden den Behörden auch Fälle von seltenen schwerwiegenden importierten Krankheiten wie Läuserückfallfieber oder Typhus gemeldet. In der alltäglichen medizinischen Versorgung von Asylsuchenden spielen diese Erkrankungen eine untergeordnete Rolle. Das Robert-Koch-Institut hat umgehend Gerüchten widersprochen, nach denen Geflüchtete schwerwiegende und hierzulande seltene Infektionskrankheiten ›importieren‹. In den letzten Jahren sei es eher so gewesen, dass sich Erkrankte in den Unterkünften in den meisten Fällen erst in Deutschland angesteckt haben. Asylsuchende sind insofern eher eine selbst gefährdete Gruppe als Gefährder.

FLÄCHENDECKENDE VERSORGUNGNICHT GESICHERT

Nachdem die Asylsuchenden von der EAE in dezentrale Gemeinschaftsunterkünfte verlegt werden, kommt es leider häufig zu Versorgungslücken. Eigentlich sollten die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte in der Umgebung der Erstaufnahmeeinrichtung die Versorgung übernehmen, aber sie kommen damit schnell an ihre Grenzen: Die medizinische Behandlung erfordert einen höheren zeitlichen Aufwand, die Anwesenheit von Dolmetschenden sowie ein hohes Maß an psychosozialer und interkultureller Kompetenz. Es sind allesamt Anforderungen, die auf ohnehin vorbestehende Probleme der ambulanten Medizin in der BRD treffen.
Das trifft insbesondere für die ambulante psychiatrische und psychotherapeutische Versorgung für Erwachsene, Kinder und Jugendliche zu. Die Zahl der Kinder aus Kriegsgebieten ist deutlich gestiegen. Die meisten kommen aus Syrien, die etwas älteren Kinder und Jugendlichen auch aus Somalia, Afghanistan, Eritrea. Die Mehrzahl der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge (UMF) ist traumatisiert durch Kriegserlebnisse und Flucht. Sie leiden zusätzlich am Fehlen der Familie und sicheren Strukturen. Ein Zustand, der nicht immer einer Psychotherapie bedarf, aber zumindest die Unterstützung eines aufmerksamen sozialpädagogischen Teams benötigt. Selbst in Großstädten, aber vor allem in ländlichen Regionen, fehlt es an beidem. NGOs wie ›Refugio‹ in München gibt es nicht flächendeckend, und wo es sie gibt, ist die Finanzierung häufig unsicher.
Lücken gibt es auch bei den Schwangerschaftsvorsorgeuntersuchungen, kinderärztlicher Behandlung und der Behandlung von chronisch Kranken. Darüber hinaus gibt es großen zahnmedizinischen Bedarf, denn außer Zahnextraktionen gibt es kaum Behandlungsmöglichkeiten.

ZWEIKLASSENMEDIZIN SETZT SICH FORT

Problematisch ist zudem die Situation in den Krankenhäusern. Wie auch im Bereich des Wohnungsbaus rächt sich hier nun ganz unmittelbar, dass die wechselnden Regierungen über Jahre eine rationale Bedarfsplanung zugunsten von Marktprinzipien zurückgestellt haben. In München versorgen hauptsächlich die kommunalen Häuser die Asylsuchenden. Diese Häuser sind jedoch selbst bereits defizitär und stehen durch das Fallpauschalensystem seit Jahren unter massivem ökonomischem Druck, was zu chronischem Personal- und Zeitmangel geführt hat. Auch sie benötigen eigentlich Dolmetscherdienste und Zeitressourcen zur Ausbildung interkultureller Kompetenzen, deren Abrechnung im Fallpauschalensystem nirgendwo vorgesehen ist.
Aus Sicht der Asylsuchenden ist es oft eine große Hürde, überhaupt Zugang zum Gesundheitswesen zu erhalten. In den meisten Bundesländern läuft es immer noch so, dass Asylsuchende, die kein akutes gesundheitliches Problem haben, das als Notfall behandelt werden muss, zunächst einen Antrag auf Kostenübernahme beim zuständigen Sozialamt stellen müssen, um dann ein begrenztes Spektrum von medizinischen Leistungen zu erhalten bzw. nicht zu erhalten. Abgesehen davon, dass diese Zweiklassenmedizin so diskriminierend ist, dass die BRD dafür bereits von der UN gerügt wurde, ist sie unnötig bürokratisch und obendrein (kosten-)ineffizient. Die Bundesländer Hamburg und Bremen gehen seit einiger Zeit andere Wege und händigen den Asylsuchenden Gesundheitskarten aus, mit denen sie Zugang zur Regelversorgung innerhalb des Leistungskatalogs der gesetzlichen Krankenkassen haben.

FAZIT

Die flächendeckende medizinische Versorgung von Asylsuchenden erfordert eine enge Vernetzung der lokalen und überregionalen Akteure aus Staat, Ehrenamtlichen und dem Gesundheitswesen. Diese Netzwerkstrukturen sind in der Praxis oft fragil, weil sie auf den persönlichen Kontakten einzelner Individuen beruhen. Der Mangel an Möglichkeiten für eine partizipative strategische Planung, personellen und finanziellen Ressourcen sowie vor allem politischer Unterstützung durch Landes- und Bundesebene führt zu lokal und regional mehr oder weniger gut funktionierenden Insellösungen, die ein hohes Maß an Einsatz und Flexibilität auf Seiten der Helfer_innen sowie der Asylsuchenden verlangt.

Dr. med. Thomas Kunkel (M.Sc. Global Health) ist Arzt in Weiterbildung Allgemeinmedizin und Vorstandsmitglied im Verein demokratischer Ärztinnen und Ärzte (www.vdaeae.de).
Dr. med. Ingeborg Oster ist Ärztin für Allgemeinmedizin und Mitarbeiterin von ›RefuDocs‹ in der Erstaufnahmeeinrichtung Bayernkaserne in München (www.refudocs.de).

Die Zwischenüberschriften wurden von der Redaktion eingefügt.

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