Sie sind hier: RAV > PublikationenInfobriefeInfobrief #116, 2018 > »Die Justiz tat, wie ihr geheißen…«

»Die Justiz tat, wie ihr geheißen…«

EIN LEBEN IN POLITISCHEN PROZESSEN

Volker Eick

Für eine angemessene Rezension erreichte uns der Hinweis auf den nachfolgend zu benennenden Band zu spät, Anzeigen schalten wir nicht – sein Erscheinen anzeigen, das machen wir sehr gern.

Es fällt angesichts des beklagenswerten Zustands deutsch(sprachig)er Soziologie eher leicht, dem – auch zum Klappentext geronnenen – Statement von Hartmut Wächtler zuzustimmen, dass ein »Blick in die Gerichtssäle oft ein schärferes Bild einer Gesellschaft [zeichnet], als ein ganzer Zirkel von Starsoziologen« (S. 11). Das gilt auch für einen ersten Blick in die gut 170 Seiten, die sich – nach einer sehr persönlich gehaltenen Einführung zu Elternhaus und Kindheit in der Nachkriegszeit – zuweilen wie ein Who is Who der 1960er- und 70er-Jahre liest: Altnazis in Politik, Hochschule und Verwaltung, linke, liberale und rechte (durchaus auch) Paradiesvögel auf der Straße, in und vor allem neben universitären Hörsälen (Wächtler war Mitbegründer der ›Rechtshilfe der APO‹ in München, S. 45f), verblassende und aufstrebende Politikprominenz und Jurisprudenz in und jenseits – nicht nur – der Münchner Schickeria; ein entsprechendes Namensregister würde dutzende Seiten füllen. Ab 1973 arbeitet Wächtler als Strafverteidiger.
 Und er wird in den folgenden Jahren »in dieser Rolle« nicht nur einen »Freund«, Rolf Pohle, verlieren, den die Justiz als ›Rädelsführer‹ vernichten will und wird (S. 69ff), sondern deutlich wird auch, dass und wie die Strafjustiz zahlreiche weitere Opfer will oder zumindest billigend in Kauf nimmt. Es ist zu spüren, dass Wächtler sich um ein ausgewogenes Urteil zum Vorgehen von Staatsanwälten wie Richtern bemüht – die rechtsstaatliche Realität aber (etwa in den Verfahren gegen Fritz Gildemeister, die Gegnerinnen und Gegner der Wiederaufbereitungsanlage in Wackerdorf oder gegen Ingrid Strobl), die macht ihm das nicht leicht. Spätestens, so Wächtler, wenn man »das Weiße im Auge des Gegenübers« sieht, ist Widerstand »nicht nur gerechtfertigt. Er ist auch notwendig« (S. 173).

Hartmut Wächtler, Widerspruch. Als Strafverteidiger in politischen Prozessen
(: TRANSIT: Berlin 2018)