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Südlich von Dessau

REZENSION ZU ›POLIZEI IN AFRIKA‹

Volker Eick

(Post)Koloniale Fragestellungen erreichen in jüngerer Zeit auch deutsch(sprachig)e akademische ›Gemeinden‹ und spielen mit Blick auf juristische Fragestellungen eine zunehmend prominentere Rolle.(1) Geschichte und Gegenwart von Polizeiarbeit in ehemaligen Kolonien sind dabei ein Teilaspekt, der Fragen nach Korruption und Corpsgeist, Männlichkeit und Militarismus, nach Recht und Ritual aufwirft; manchmal so prominent wie gegenwärtig bei der polizeilich orchestrierten Sklaverei in Libyen.(2)
Der vorliegende Band konzentriert sich in 15 Kapiteln aber auf Polizeien im westlichen und in Südafrika. Unter drei Fragestellungen – ›Was ist die Polizei im gegenwärtigen Afrika?‹ ›Wer ist die Polizei in Afrika?‹ ›Wie arbeitet die Polizei?‹ – werden in 13 Fallstudien und zwei Überblicksbeiträgen anglo-, franko- und lusophone Länder in den Blick genommen und damit auch Vergangenheit und Gegenwart von drei Kolonialmächten angesprochen. Aus ethnographischer Perspektive fokussieren die Fallstudien in zumeist dichten Beschreibungen auf die DR Kongo, auf Ghana, Mosambik, Niger, Nigeria (drei Beiträge), Sierra Leone, Südafrika (vier Beiträge) und Togo. In den Fallstudienländern arbeiten nach Angaben der deutschen Bundesregierung derzeit weder Bundes- noch Landespolizeikräfte.(3) Dennoch (oder deshalb) mag sich bei manchen beim Lesen dieser Berichte aus Afrika(4) unwillkürlich das gern bemühte ›subjektive Sicherheitsgefühl‹ einschleichen, das sei auch ganz gut so.
Wenn etwa Laura Thurmann (S. 127) aus dem Kongo berichtet, wie der leitende Polizeibeamte seine Untergebenen antreten lässt, um die Forscherin mit den Worten »Who is this woman?« (»Madame Laura«), einzuführen, sodann die Angetretenen nach deren Profession (»Anthropologist«) befragt und schließlich die Polizeikräfte dergestalt inquiriert:
»›What will she ask you?‹ –
Questions!
And what will you do?‹ –
Answer!‹«,
dann ist das nicht nur Großes Kino, sondern wie ein Spiegelbild zu dem Initiationsritus, dem auch der Rezensent vor einiger Zeit bei einem vergleichbaren ethnographischen Polizei-Projekt in einer ›zivilisierten‹ deutschen Großstadt unterworfen war (und sich unterwarf…). Wie auch immer, hier sollen – den Band als mindestens ›sehr unterhaltsam‹ empfehlend – nur drei Aspekte angerissen werden:
In historischer Perspektive verweist etwa Klaus Schlichte in seiner kurzen Anmerkung (S. 19-26) auf die lange Geschichte international(isiert)er Polizeiarbeit und -verflechtung, die weitgehend als von Europa nach Afrika exportiert verstanden wird, während Thomas Bierschenk (S. 103ff) darauf hinweist, dass Polizeikonzepte seit dem frühen 19. Jahrhundert von Afrika nach Europa, insbesondere nach Großbritannien (S. 106), transferiert wurden.
Jimam Lar (S. 79ff) zeigt in seiner historischen Aufarbeitung des vor- und nachkolonialen Nigeria, dass und wie staatliche Polizeien parallel und keineswegs nur in Konkurrenz zu ›Bürgerwehren‹ für das sorg(t)en, was sie jeweils für Ordnung halten: »Das Bestehen solcher Gruppen ist nicht notwendigerweise Ausdruck eines schwachen Staats« (S. 98), sondern, so Lar mit dem Politikwissenschaftler Achille Mbembe, eher Ausdruck einer »Geselligkeit« (conviviality), die auf den Dynamiken von Familiarität und Vertrautheit basiert und damit »Dominierende und Dominierte über ein derart geteiltes Wissen einbindet« (S. 99).
Die Fallstudien des dritten Kapitels leitet David Pratten mit der Feststellung ein, dass das Aufeinandertreffen von ›Polizei‹ und ›Bürger‹ durch unterschiedliche institutionelle Anreize und verschiedene moralische Imperative vorgezeichnet ist und »getragen von der Angst, in den ›juristischen Trichter‹ des Staatsapparats zu fallen«. Insbesondere die Arbeit aus Niger von Göpfert betont, wie sehr Polizeikräfte »auf Grundlage sozialer Vorstellungswelten und nicht nach juristisch kodifizierten Definitionen«, also nach Rechtslage, »arbeiten« (S. 262). Das verdeutlicht auch Kyed (S. 213ff) mit ihrer Studie aus Mosambik: Während ihrer ethnographischen Arbeit bei der Polizei von Maputo wurde zwar »die Zelle meist als Drohung benutzt, aber regelmäßig auch als gewalttätiges Element bei informellen Lösungen« (S. 219) – im mosambikanischen Maputo, nicht im sachsen-anhaltinischen Dessau. Welcome home…

Jan Beek, Mirco Göpfert, Olly Owen, Jonny Steinberg (eds): Police in Africa. The Street Level View. London: Hust & Company 2017

Volker Eick ist Politikwissenschaftler und Mitglied im erweiterten Vorstand des RAV.

Fußnoten

(1) Vgl. etwa den deutschsprachigen und gegenwärtig vergriffenen Band von P. Sack & R. Voigt: Kolonialisierung des Rechts. Zur kolonialen Rechts- und Verwaltungsordnung. Baden-Baden 2001, aber auch das in diesen Tagen stattfindende Symposium ›(Post-)Colonial Injustice and Legal Interventions‹ des European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR) zusammen mit der Akademie der Künste.
(2) Vgl. ›400, 700, 800, verkauft!‹ (06.12.2017), www.zeit.de; ›Libyen wird Testfall für neue Zusammenarbeit zwischen Europa und Afrika‹ (07.12.2017), www.handelsblatt.com.
(3) BT-Drucksache 18/12445 v. 12.05.2017 (Bericht über das deutsche Engagement beim Einsatz von Polizistinnen und Polizisten in internationalen Polizeimissionen 2016).
(4) Eigentlich: ›über Afrika‹; denn der Band versammelt vorwiegend Blicke von Expertinnen und Experten aus dem Globalen Norden – wie die herausgebenden Männer selbstkritisch einräumen (S. 15).

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