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Organisierte Ignoranz

REZENSION ZU ›MIGRANT, FLÜCHTLING, SCHMUGGLER, RETTER‹

Volker Eick

Der mediale (und politische) Flüchtlingsfokus liegt für Europäer*innen auf dem Mittelmeer, genauer auf den gegenwärtigen drei Flüchtlingspassagen – der sogenannten ›westlichen‹ (vor allem Flüchtende aus Gambia, Guinea, Elfenbeinküste), der ›zentralen‹ (Nigeria, Bangladesh, Guinea) und der ›östlichen Mittelmeerroute (Syrien, Irak, Pakistan) – Richtung Europa. Im ersten Halbjahr 2017 sind nach Angaben des UNHCR rund 120.000 Flüchtende über diese Routen Richtung Europa gekommen, im selben Zeitraum wurden bei der Überfahrt 2.410 entweder vermisst oder tot geborgen.(1)
Während der Sklaven- und Menschenhandel in Libyen gegenwärtig breiter diskutiert wird und die UN nach Libyen Geflüchtete in anderen afrikanischen Ländern in Sicherheit bringen muss, spielt die Lage von aus Zentral- und Westafrika Flüchtenden in eine geringere Rolle.
Dem dortigen ›Migrantenmanagement‹ widmet sich schwerpunktmäßig der von der Sozialwissenschaftlerin Tuesday Reitano und dem Journalisten Peter Tinti verfasste und hier zu besprechende Band, der mit Blick auf die oben genannten Zahlen darauf hinweist, dass auf dem Weg nach Europa möglicherweise weit mehr Flüchtende in der Sahara sterben als im Mittelmeer.(2) Die Betrachtung von ›Migrantenmanagement‹, also der vorwiegend marktwirtschaftliche Blick auf Flüchtende und Flucht-›Helfer‹, ist dabei ein expliziter Fokus, denn immerhin arbeite(te)n beide bei der Global Initiative against Transnational Organized Crime, die ›Flucht‹ als eine Frage von Angebot und Nachfrage sowie hinsichtlich der Verflechtungen mit ›Organisierter Kriminalität‹ (›OK‹) betrachtet.
Gegenwärtig kann ›Migrantenmanagement‹ in Ländern wie Ägypten und Libyen, aber auch in Mali und Niger – wo ganze Städte ökonomisch auf Flüchtenden basieren und mit lokalen Regierungsvertretern kooperieren (S. 177) – als Teil einer durch die europäischen Länder induzierten ›OK‹ betrachtet werden: »Das Problem ist, dass die Aufgabe, irreguläre Einwanderung in den Blick zu nehmen und generell eine kohärente Migrationspolitik zu entwickeln, viel zu oft unter den Kategorien Grenzsicherheit und Terrorismus zusammengefasst wird […], daraus resultiert eine sicherheitspolitische Fokussierung auf Grenzen und eine vollständige Ignoranz gegenüber den Ursachen irregulärer Migration« (S. 259).
Dass zu diesen Ursachen der regionale Rohstoffraubbau, die ›Verwüstungen‹ des globalen Neoliberalismus und die Militarisierung politischer Konflikte gehören – gerade im Sahel und in der Sahara wurden dabei auch die lokalen (Schmuggel- und) Handelsökonomien zerstört und so faktisch in den Menschenhandel getrieben (S. 146-177) –, ist so weitgehend bekannt, wie klar ist, welche Folgen anhaltende Gewalt, Kriege und Konflikte, ökonomische Krisen und der Klimawandel für die Migration der Zukunft haben werden. Ein Verdienst des Buches ist es dabei vor allem, detailliert die Interdependenzen in der Region (und darüber hinaus) nachzuzeichnen und zu verdeutlichen, wie unterentwickelt – insbesondere mit Blick auf menschenrechtlich leidlich vertretbare ›Lösungen‹ – alle bisherigen Initiativen aus dem ›Globalen Norden‹ geblieben sind – und zunächst auch (absichtsvoll) bleiben werden.
Mit diesem gerüttelt Maß an Pessimismus zeigen Tinti und Reitano abschließend, ›Schmuggler‹, auch wenn es sie gibt, sind nicht die »ruchlosen Charaktere«, die der ›Globale Norden‹ »um jeden Preis stoppen« muss (S. 278); das sei ein völlig falscher Fokus: Eher schon müsse man diese Männer und Frauen – wie es auch andere Forschung zeige und häufig ihrem Selbstbild entspreche – auf einem Spektrum zwischen »unsichtbaren Dienstleistern und Helden« einordnen (ebd.). Im Kern gehe es aber darum, »pragmatisch« (S. 279) eine Welt zu schaffen, die beide – ›Schmuggler‹ und ›Helden‹ – überflüssig macht.

Peter Tinti & Tuesday Reitano: Migrant, Refugee, Smuggler, Saviour. London: Hurst & Company 2016.

Volker Eick ist Politikwissenschaftler und Mitglied im erweiterten Vorstand des RAV.

Fußnoten

(1) Vgl. Süddeutsche Zeitung, ›Festung Europa‹ (19.08.2017): 8, http://www.sueddeutsche.de/politik/fluechtlinge-festung-europa-1.3632947.
(2) Wesentliches Zahlenmaterial stammt dabei aus dem 2013 begonnenen und im Juni 2016 eingestellten Projekt http://www.themigrantsfiles.com/, das sich erstmals mit der Zahl von auf der Flucht getöteten Menschen auseinandergesetzt hat; die Autor*innen haben aber auch über 200 Interviews in der Region und in Kontinentaleuropa geführt.

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