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Helga Wullweber

EIN LEBEN: 1943 – 2017

Rüdiger Jung

Helga Wullweber, viele Jahre Mitglied des RAV, früh politisiert durch die Studentenbewegung, hat sich bis zuletzt intensiv mit den rechtlichen, sozialen und politischen Fragen unserer Zeit beschäftigt und innerhalb und außerhalb ihrer Anwaltsarbeit für eine linke, fortschrittliche und emanzipative gesellschaftliche Entwicklung gestritten, geschrieben und gearbeitet.
Geboren in Berlin-Pankow, wuchs sie mit ihrer Schwester in Hildesheim auf, und schon früh beschäftigte sie sich mit der Frage nach dem Entstehen des Faschismus in Deutschland und den Ursachen und der Verantwortung dafür, was zu erheblichen Auseinandersetzungen auch mit ihrer eigenen Familie, besonders mit ihrem Vater, führte.
Auf diesem Hintergrund entschied sie sich für das Jura-Studium, zunächst in Göttingen, dann in Berlin, stand dem SDS nahe, orientierte sich dann nach dem Zerfall der Studentenbewegung vorübergehend in der maoistischen KPD, an deren Auflösung sie später mitwirkte. Ab 1973 war sie Anwältin, zunächst in zwei Büros im Wedding und später in verschiedenen Konstellationen in Büros in Berlin und Hamburg. Ihre Anwaltsarbeit begriff und praktizierte sie Zeit ihres Berufslebens als politische Arbeit. Helga war in den ersten Jahren ihres Berufslebens auch als Strafverteidigerin tätig, verteidigte während des Deutschen Herbstes 1977 ein Mitglied der Bewegung 2. Juni, erlebte dabei im laufenden Prozess vor dem Kammergericht die Verabschiedung und konkrete Anwendung des – die Verteidigung massiv behindernden – ›Kontaktsperre-Gesetzes‹. In dieser Zeit, in der ich bei ihr meine Anwaltsstation als Referendar machte, erlebte ich sie als junge Kollegin, die sich mit Verve und vielen Zigaretten in die Arbeit als linke Anwältin stürzte.
Zum Schwerpunkt ihrer anwaltlichen Arbeit entwickelte sich das Sozial- und Arbeitsrecht, in beiden Rechtsgebieten wurde sie Fachanwältin und suchte mit ihrer juristischen Arbeit nach politischen und intellektuellen Bezügen außerhalb der Anwaltstätigkeit. Helga Wullweber war Mitbegründerin und Mitherausgeberin der Zeitschrift Recht und Psychiatrie, gehörte zum Umfeld der Herausgeberinnen der linken Frauenzeitschrift Courage, engagierte sich im internationalen Frauennetzwerk Sheherazade und trat schon früh dem RAV bei. Als Mutter von zwei Söhnen hat sie selbst den besonderen Druck der Doppelbelastung von Berufstätigkeit und Familienleben als Frau täglich bewältigen müssen.
1984 zog sie mit ihrem Mann, dem Politologen Jürgen Hoffmann, und ihren Kindern nach Hamburg. Helga arbeitete auch in Hamburg als Rechtsanwältin, engagierte sich in der GAL, der Vorläuferin der Hamburger Grünen, und sie saß für die GAL von 1989 bis 1991 als Abgeordnete in der Hamburger Bürgerschaft, als die GAL mit einer reinen Frauenfraktion in die Bürgerschaft einzog. 1993 kehrte sie nach Berlin zurück, gehörte in den 1990er-Jahren dem Vorstand des RAV und der Berliner Anwaltskammer an und war aktiv im Komitee für Grundrechte und Demokratie. 2009 verstarb ihr Mann, sie selbst erkrankte schon vor 18 Jahren an Krebs, dachte jedoch nicht daran, ihren Beruf aus gesundheitlichen oder Altersgründen aufzugeben.
Helga Wullweber war eine streitbare Intellektuelle. Die gesellschaftliche Gleichstellung der Frauen, gerade in der Politik und Arbeitswelt, war ihr ein großes Anliegen. Für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie stritt sie auf juristischem und politischem Feld. Sie war sehr belesen, liebte Sachbücher und Fachzeitschriften, verfasste Artikel etwa zur Legitimation sog. Humanitärer Interventionen auch mit militärischen Mitteln, befürwortete das gewaltsame Eingreifen in den Bürgerkrieg in Bosnien-Herzegowina und stritt für ein UN-Mandat zum Sturz von Muammar al-Gaddafi in Libyen, worüber sie sich auch im Rahmen des RAV mit anderen Mitgliedern auseinandersetzte. Sie schrieb über das Kriegsverbrechen Vergewaltigung und forderte früh die Ächtung und Strafbarkeit von Kriegsverbrechen.
In den letzten drei Jahren zog sie sich krankheitsbedingt mehr und mehr zurück, ohne allerdings daran zu denken, ihre Leidenschaft für ihre – nun deutlich reduzierte – Anwaltstätigkeit und ihre Neugierde für das Weltgeschehen aufzugeben, ihre persönlichen Kontakte nahmen jedoch mit zunehmender Erkrankung ab.
Helga Wullweber, eine kluge, streitbare Kollegin, starb mit 73 Jahren am 28. September 2017 in Berlin.

Rüdiger Jung ist Rechtsanwalt in Berlin und Mitglied im RAV.

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