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»Wege durch den Knast«

ZWEITE AUFLAGE DES RATGEBERS

PEER STOLLE

»Häftlinge, Finger weg von diesem Buch!«, so der Titel der Rezension in der Frankfurter Allgemeinen vom 25. Januar 2017 zu dem Ratgeber ›Wege durch den Knast‹ in erster Auflage. Der nun in 2. Auflage erschienene Ratgeber polarisiert. Gefangene würden dabei unterstützt, so der Rezensent Prof. Dr. Pawlik in der FAZ, ihre »eigenen Rechtspositionen […] auszureizen«. Dass diese rechtsstaatliche Selbstverständlichkeit, das Wahrnehmen gesetzlich eingeräumter Rechte, bei Gefangenen nach wie vor etwas Anrüchiges, durch Justiz und Rechtsgelehrte wie Prof. Pawlik negativ bewertet wird, illustriert bereits die Leerstelle, die das Buch im Bereich des Justizvollzugs auszufüllen versucht. Leider können sich Inhaftierte nicht überall an der Fülle von nützlichen Informationen, Ideen und Erfahrungen anderer Gefangener erfreuen. Das 700-Seiten-Werk wird von Seiten der Justiz und der Vollzugsbehörden kritisch beäugt, ist in einigen Justizvollzugsanstalten, insbesondere in Bayern, sogar als »die Sicherheit und Ordnung gefährdend« verboten.
Der Ratgeber ›Wege durch den Knast‹ gliedert sich grob in drei Teile. In dem ersten Abschnitt, von Kapitel 1 (›Die Festnahme‹) bis Kapitel 12 (›Die Entlassung‹), wird aus der Perspektive Inhaftierter der Alltag in einer Justizvollzugsanstalt beschrieben. Thematisch geht es um das Verhältnis der Gefangenen untereinander und um das zu den Vollzugsbediensteten, um Arbeit im Knast, das Geldsystem, das Verhältnis zur Verteidigung, aber auch um das ausgefeilte Disziplinarsystem. Darüber hinaus gibt es aber auch Kapitel über Kontaktmöglichkeiten für Gefangene nach draußen, über Drogen und deren Konsum oder Substitution in Haft und schließlich ein Kapitel zu den besonderen rechtlichen Problemen von Gefangenen ohne deutschen Pass, bei welchem allerdings ein Schwachpunkt des Buches besonders deutlich wird – die Sprache. Vielen Gefangenen, die aufgrund ihrer fehlenden Kenntnisse der deutschen Sprache ohnehin im Vollzug besonders benachteiligt sind, hilft das Buch nicht weiter, wahrscheinlich auch dann nicht, wenn die Autor*innen ihre Leser*innen dazu auffordern, Teile des Buches mündlich ihren Mitgefangenen zu übersetzen. Beim Lesen ist ferner zu beobachten, dass die Kapitel durchaus aus unterschiedlichen Federn stammen, was aber den Lesefluss nicht stört. Angereichert werden viele Kapitel mit abgesetzten Erfahrungsberichten einzelner (ehemaliger?) Gefangener zu spezifischen Themen.
Nachdem dieser Hauptteil des Ratgebers mit einem in der zweiten Auflage neu hinzugekommenen Kapitel zu den Besonderheiten des offenen Vollzugs (Kapitel 10.12), einem Abschnitt zur Sicherungsverwahrung und schließlich mit der Entlassung endet, folgen zwei weitere Abschnitte. Der zweite Teil des Buches – acht von Mediziner*innen und Praktiker*innen verfasste Kapitel, die von Gefangenen auf Praxistauglichkeit überprüft worden sein sollen – behandelt den Themenkomplex Gesundheitsprobleme im Knast. Von Yoga und Bewegungsübungen bis hin zum Verhalten in akuten Notfällen zeigt das Buch  Handlungsoptionen auf, die für Gefangene umsetzbar sind. Dabei werden auch kritische Fragen nicht ausgespart. So werden Verhaltensmöglichkeiten bei Suizidversuchen Mitgefangener ebenso diskutiert wie gesundheitliche Aspekte eines Hungerstreiks. Gerade letzteres ist erneut ein Aspekt, der von Justizvollzugsbehörden als Beispiel für die ›Gefährdung der Sicherheit und Ordnung‹ interpretiert wird,  während er, laut Aussage der Redaktion, von vielen Gefangenen allerdings geschätzt wird.
Schließlich folgt ein dritter, größtenteils von Verteidiger*innen verfasster Abschnitt, in dem es um Rechtsfragen im Zusammenhang mit dem Strafvollzug geht – kein anderer Lebensraum ist doch so von Gesetzen und Vorschriften bestimmt wie der Knast. Auf sechs Kapitel verteilen sich in verständlicher Sprache vermittelte Rechtskenntnisse. Den größten Teil des Buches machen zwei Kapitel aus, in denen – getrennt für Untersuchungs- und Strafhaft – für verschiedene Aspekte des Vollzugs Argumentationshilfen und Musterformulierungen dokumentiert werden; nicht unähnlich einem anwaltlichen Formularhandbuch. Gerade diese beiden Kapitel könnten auch für Verteidiger*innen, die auf dem Gebiet des Strafvollzugsrechts tätig sind, den ein oder anderen nützlichen Aspekt enthalten, wiewohl das Buch eindeutig an Gefangene selbst adressiert ist. Gerade im Vollzug können sich ohnehin die wenigsten Gefangenen eine Anwältin oder einen Anwalt leisten und sind daher bei der Durchsetzung ihrer Rechte häufig auf sich selbst gestellt. Dabei ist es ein weiterer positiver Aspekt, dass ›Wege durch den Knast‹ für Gefangene kostenfrei ist. Er kann von Gefangenen gegen Portokosten in Höhe von 1,65 Euro direkt beim Verlag Assoziation A bezogen werden. Für Interessierte ›draußen‹ gibt es das Buch für einen Preis von 19,90 Euro; ein Betrag, der sich im Vergleich zu den oft dreistelligen Kosten eines Strafvollzugsgesetzkommentars immer noch recht günstig ausnimmt. Für die Verteidiger*innen, die im Vollzugs- und Vollstreckungsrecht tätig sind, ersetzt der Ratgeber natürlich nicht die einschlägige Fachlektüre. Es muss auch noch mal betont werden, dass sich ›Wege durch den Knast‹ auch nicht an Jurist*innen wendet, sondern an Gefangene. Als Verteidiger*in kann man aber seinen Mandant*innen getrost die Lektüre empfehlen.
Spürbar durch das Buch hinweg ist auch die abolitionistische Haltung vieler Autor*innen – die sie aber nicht daran hindert, für die momentane gesellschaftliche Situation einen pragmatischen Umgang mit dem Eingesperrtsein zu vertreten und hierzu ihren Erfahrungsschatz zu teilen. 

Dr. Peer Stolle ist Rechtsanwalt in Berlin und Vorstandsvorsitzender des RAV.

Redaktionskollektiv (Hg.): Wege durch den Knast. Alltag. Krankheit. Rechtsstreit (2. Auflage). Berlin: Assoziation A 2017.

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