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Filmreihe 2015

ZWISCHEN MIGRATION & RASSISMUS, PROTEST & WIDERSTAND

RAV UND NSU WATCH

An jedem dritten Donnerstag im Monat zeigen der RAV und ›NSU Watch‹ Dokumentarfilme, die sich mit Fragen von Migration, Flucht und Rassismus auseinandersetzen. Die Filmabende sollen der Auseinandersetzung mit diesen Themen dienen und einen zwanglosen Austausch – jenseits von politischen Veranstaltungen, Mitgliederversammlungen oder Arbeitstreffen – unter unseren Mitgliedern dienen. In Zusammenarbeit mit dem Mosaik-Raum und der Narr-Bar (Adressen beider Berliner Veranstaltungsorte am Textende) wollen wir mit der Reihe zudem für die – ebenfalls von RAV und NSU Watch mitorganisierte – Veranstaltungsreihe ›Insight NSU‹ mobilisieren, deren Veranstaltungen jeweils am nachfolgenden Freitag in Berlin stattfinden (vgl. die entsprechende Ankündigung in diesem Heft). 

›CAN’T BE SILENT‹
Julia Oelkers, D, 2013, 87 min.
 
Sie sind angekommen und doch noch immer auf der Flucht. Sie sind Sänger, Musiker, Rapper und doch Ausgeschlossene und Abgeschobene. Mit ihrer Musik bringen sie Tausende von Menschen zusammen und sind doch selbst nicht berechtigt, den nächstliegenden Bezirk zu betreten. Nuri (Dagestan), Jacques (Elfenbeinküste), Hosain (Afghanistan), Sam (Gambia) und Revelino (Elfenbeinküste) haben ihr Land verlassen auf der Suche nach einer neuen Heimat, die vielleicht Deutschland ist. Isoliert in Heimen und zum Stillstand verurteilt, leben sie einen schockierenden Flüchtlingsalltag.
Doch da ist Heinz Ratz. Er hat 80 Flüchtlingsunterkünfte in Deutschland besucht und dort Musiker von Weltklasseformat gefunden. Seine Combo ›Strom & Wasser‹ wurde kurzerhand durch ein ›feat. The Refugees‹ erweitert und begeisterte auf einer großen Deutschland-Tournee ein riesiges Publikum. Wir begleiten Heinz Ratz und die Refugees bei dem Versuch, sich von ihren verordneten Plätzen zu lösen – durch die so simple wie machtvolle Geste, die eigene Stimme zu erheben.
Filmabend: Donnerstag, 26. Februar 19:30 Uhr, Narr-Bar


›SIMURG‹

Ruhi Karadag, TK, 2012, 109 min.
 
Der Dokumentarfilm ›Simurg‹ begleitet sechs ehemalige politische Häftlinge, die sich 1996 an einem Hungerstreik gegen die Einführung der Typ-F Isolationszellen in der Türkei beteiligten. Der Widerstand der Gefangenen gegen die Pläne der Regierung wurde 2002 durch das sogenannte Todesfasten fortgesetzt und kostete 122 Menschenleben. Die Überlebenden haben weiterhin mit schweren gesundheitlichen Schäden zu kämpfen. Der Film zeigt bisher unveröffentlichtes Material aus dem Istanbuler Gefängnis und versucht, die Ursachen des Widerstandes und die politischen Hintergründe zu erklären. Wir zeigen den Film in Zusammenhang mit der Veranstaltungsreihe ›Insight NSU‹.
Filmabend: Mittwoch, 18. März 2015, 19:30 Uhr, Mosaik-Raum
 

›THE CLEANERS‹
Konstantinos Georgoussis, UK, 2012, 36 min.
 
Einen Monat lang begleitet der Regisseur Mitglieder der griechischen rechtsextremen Partei ›Goldene Morgenröte‹ im Wahlkampf in einem Athener Stadtteil. Er legt dabei ernüchternd und schockierend offen, wie diese Funktionäre denken, agieren und welche Unterstützung sie aus der Athener Bevölkerung erhalten. ›Verschwinde, Du bist kein Grieche!‹, ›Trau Dich nicht, uns anzusehen.‹ Aggressiv und bedrohlich treten die Rechtsextremen mitten auf einem Gemüsemarkt in Athen auf. Vermeintliche MigrantInnen werden eingeschüchtert, alle anderen werden mit Werbematerial versorgt. Niemand protestiert, keine Gegenstimmen.
Das ist der Einstieg des Films, der gleich klar macht, wem der Film folgt und worauf er sein Hauptaugenmerk legt. Zahlreiche, weitere menschenverachtende Aussagen folgen und machen deutlich, wer da 2012 ins griechische Parlament gewählt wurde: Offen auftretende Rechtsextreme, die auch auf lokaler Ebene versuchen das Kommando zu übernehmen und vornehmlich MigrantInnen einschüchtern, attackieren und ihnen de facto ihr Lebensrecht absprechen. Wir zeigen den Film in Zusammenhang mit der Veranstaltungsreihe ›Insight NSU‹.
Filmabend: Donnerstag, 23. April 2015, 19:30 Uhr, Mosaik-Raum
 

›MIETREBELLEN‹
Gertrud Schulte Westenberg und Matthias Coers, D, 2014, 78 min.
 
In den letzten Jahren hat sich die Hauptstadt rasant verändert. Wohnungen, die lange als unattraktiv galten, werden von Anlegern als sichere Geldanlagen genutzt. Massenhafte Umwandlungen in Eigentumswohnungen und Mietsteigerungen in bisher unbekanntem Ausmaß werden alltäglich. Die sichtbaren Mieterproteste in der schillernden Metropole Berlin sind eine Reaktion auf die zunehmend mangelhafte Versorgung mit bezahlbarem Wohnraum. Der Film ist ein Kaleidoskop der Kämpfe von Mieterinnen und Mietern in Berlin gegen die Verdrängung aus den nachbarschaftlichen Lebenszusammenhängen. Eine Besetzung des Berliner Rathauses, das Camp am Kottbusser Tor, der organisierte Widerstand gegen Zwangsräumungen und der Kampf von RentnerInnen um ihre altersgerechten Wohnungen und eine Freizeitstätte symbolisieren den neuen Aufbruch der urbanen Protestbewegung.
Filmabend: Donnerstag, 28. Mai 2015, 19:30 Uhr Narr-Bar
 

›JUDGEMENT IN HUNGARY‹
Eszter Hajdú, HU/NL, 2013, 108 min.
2008 und 2009 überfielen Neo-Faschisten in Ungarn mehrere Roma-Dörfer. Sechs Menschen starben, darunter ein fünfjähriges Kind. Gegen vier Verdächtige wurde Anklage erhoben. Der Film dokumentiert den Prozess, der zweieinhalb Jahre dauerte. Es entspinnt sich ein hochintensives Kammerspiel, das viel über die weitverbreiteten Ressentiments gegenüber Roma, Jüdinnen und Juden in Ungarn erzählt. Im Zuge der Anhörungen kommen krasse Ermittlungsfehler ans Licht. Bloßer Pfusch oder gezielte Manipulation? Wir zeigen den Film in Zusammenhang mit der Veranstaltungsreihe ›Insight NSU‹.
Filmabend: Donnerstag, 18. Juni 2015, 19:30 Uhr Mosaik-Raum.
 

›WADIM‹
Carsten Rau und Hauke Wendler, D, 2011, 90 min.
Wadim K. ist in Deutschland aufgewachsen, zur Schule, zum Sport und in die Ministrantengruppe gegangen. Er sprach deutsch, er hatte deutsche Freunde, er fühlte sich als Deutscher. Doch einen deutschen Pass hat Wadim nie erhalten, weil er mit seiner Familie 1992 als Flüchtling nach Hamburg kam. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion fühlen sich Wadims russischstämmige Eltern in Lettland nicht mehr sicher. Doch in Deutschland wird ihr Asylantrag abgelehnt. Es folgen 13 Jahre zwischen Duldungen, Arbeitsverbot und Sammelunterkünften. Die Eltern brechen unter dem Druck zusammen, erkranken an schweren Depressionen. Die Kinder sind mehr und mehr auf sich gestellt.
2005 versucht die Ausländerbehörde die Familie abzuschieben. Der nächtliche Einsatz endet im Desaster: Die Mutter schneidet sich die Pulsadern auf, der Vater landet in der Untersuchungshaft. Wadim wird mit 18 Jahren allein nach Lettland abgeschoben – in ein Land, an das er sich kaum erinnern kann. Fünf Jahre lang sucht er ein neues Zuhause für sich: Erst in Riga, später irrt er durch Frankreich, Belgien und die Schweiz, wird erneut nach Lettland deportiert. Bei seinem letzten, illegalen Besuch in Hamburg, im Januar 2010, nimmt Wadim sich das Leben. Er ist 23 Jahre alt.
Filmabend: Donnerstag, 17. September 2015 19:30 Uhr, Mosaik-Raum

›BLACK BLOCK‹
Carlo Augusto Bachschmidt, 2011, I, 76 min.
Der Gipfel der G8 in Genua/Italien 2001, der Protest der Hunderttausenden, die Kämpfe, die Hoffnungen, der erschossene Demonstrant, die Polizeigewalt auf den Strassen und schließlich der Überfall auf die Diaz-Schule. Was in dieser als Schlafplatz genutzten Schule passiert ist und was davon bleibt - davon legen AktivistInnen in diesem Dokumentarfilm Zeugnis ab.
300 Polizisten stürmten in der Nacht die Diaz-Schule. Bei ihrem kalkulierten Blutbad verletzten sie fast 90 Menschen schwer. Selbst aus den Krankenhäusern wurden die AktivistInnen anschließend in die Polizeikaserne Bolzaneto gebracht, dort erniedrigt und gefoltert.
Filmabend: Donnerstag, 15. Okt. 2015, 19:30 Uhr Narr-Bar

Weitere Vorführungen: ›Nachtgrenze‹ (19. November), ›Im Tal der Wupper‹ (17. Dezember); die Reihe soll in 2016 fortgesetzt werden.

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Der Mosaik-Raum befindet sich in der Oranienstraße 34 (Hinterhof rechts, 1. OG mit dem Fahrstuhl, über dem ›Familiengarten‹) in Berlin-Kreuzberg (U1/U8 Kottbusser Tor). Die Narr-Bar befindet sich in der Böckhstraße 24 in Berlin-Kreuzberg (U8 Schönleinstraße).

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