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›Trojanische Pferde‹

DIE KARAWANE VON FIFA UND IOC ERREICHT BRASILIEN

VOLKER EICK

»Brasilien wird abgesperrt wie der Privatgarten des Königs von Portugal«, schreibt Stefan Zweig 1941,(1) »umstrickt mit einem Netzwerk von Gesetzen, um möglichst viel Gewinn aus seiner Kolonie herauszuholen; es wird durch ein Dekret verboten, heimischen Alkohol zu konsumieren«. So charakterisiert Zweig die Lage des kolonialen Brasilien im Jahre 1775. Keine zweihundertfünfzig Jahre später ist es wieder soweit. Die Kolonialherren diesmal: die FIFA und das IOC.(2)

  Am 13. April 2007 legt die Regierung Luiz Inácio Lula da Silva die Bewerbungsunterlagen für die Austragung der Fußballweltmeisterschaft der Männer bei der FIFA in Zürich vor, die – Gegenkandidaten gibt es nicht – im Oktober desselben Jahres abgesegnet werden. Lula zieht so das erste Trojanische Pferd aus dem Vorhof der FIFA-Hölle nach Brasilien. Zweieinhalb Jahre später, am 2. Oktober 2009 – wieder ist es der damalige Präsident und einstige Hoffnungsträger Brasiliens – entscheidet das IOC in Kopenhagen, dass Rio de Janeiro Austragungsort der Olympischen Sommerspiele 2016 sein wird. Das zweite Pferd ist angeliefert.
  Mit der Wahl von Lula zum Präsidenten waren 2003 zahlreiche Hoffnungen verbunden – von der Beseitigung der Korruption, funktionierenden Schulen und Krankenhäusern über verbesserte Lebensbedingungen für die breite Bevölkerung bis hin zum Aufstieg eines neuen sozialistischen Modells lateinamerikanischer Prägung.(3) Diese Hoffnungen verloren sich weitgehend in einem neoliberalen Dickicht, nicht zuletzt unter der seit 2011 amtierenden Präsidentin Dilma Vana Rousseff.(4) 

FIFA & IOC: GEMEIN UND NÜTZLICH FÜR DAS KAPITAL 

Dafür sind auch die FIFA (Fédération Internationale de Football Association) und das IOC (International Olympic Committee) – zwei Organisationen, die nach dem schweizerischen Recht als gemeinnützig gelten und von Steuerzahlungen befreit sind – maßgeblich verantwortlich. Ihnen geht es vor allem um Profit. Ohne sich selbst die Hände schmutzig zu machen, gehen sie dafür auch im Wortsinn über Leichen. Denn offensichtlich egal sind ihnen die Arbeitsbedingungen von Bauarbeitern (die etwa in Sotschi oder Katar unter Sklavenbedingungen arbeiten) und WM-Personal (das in Südafrika von der Polizei zusammengeschossen wurde, als es für bessere Löhne kämpfte).(5)
  Das IOC wurde 1894 von Pierre de Coubertin gegründet, die FIFA von Robert Guérin und Carl Anton Willem Hirschmann im Jahr 1904. Durch beide Organisationen sollten politisch Frieden und Völkerverständigung gefördert und sportlich eine religiös motivierte Elitenidee – das olympische Schlagwort lautete »Muskelreligion« – mit Vorbildcharakter umgesetzt werden, die auch moralische Erziehung beinhaltete. Der so verstandene Sport sollte auch eine Antwort geben auf die ökonomischen Verwerfungen seit Mitte des 19. Jahrhunderts: Industrialisierung und Urbanisierung hatten zu intensivierter Ausbeutung, Massenarbeitslosigkeit, Armut und zu Widerstand in der Bevölkerung geführt. Insbesondere de Coubertin war dabei seinem »Freihandelssystem der Zukunft« verpflichtet.

NEOLIBERALE PFLICHTENHEFTE 

»Wir wollen die frei gesonnenen, über sich selbst bestimmenden Männer [sic!], die nicht auf den Staat blicken wie ein Baby auf seine Mutter, die keine Angst davor haben, ihren eigenen Weg durchs Leben gehen zu müssen«.(6)

  1896 fanden die ersten Olympischen Sommerspiele statt, 1930 die erste Fußball-Weltmeisterschaft. Die Grundlage für das heutige Marktmodell der beiden größten Sportorganisationen der Welt wurde in den 1980er Jahren entwickelt, der Phase, die man als sozialstaatlichen »roll back« bezeichnen kann. Die Architekten dieses Modells, der 1980 gewählte IOC-Präsident Juan Antonio Samaranch und der 1974 gewählte FIFA-Präsident João Havelange, kamen beide aus dem Umfeld neoliberaler Denkfabriken und waren einflussreiche Industriemagnaten. Unter ihrer Ägide wurden aus den gemeinnützigen Organisationen IOC und FIFA multinationale Konzerne.
  Mit ›Checklisten‹ (IOC) und ›Pflichtenheften‹ (FIFA, UEFA) werden den Bewerberstädten seitdem Vorgaben für die Ausrichtung der Spiele gemacht. Sie beinhalten unter anderem, dass dem IOC und seinen Sponsoren werbefreie Stadien und ganze Stadtquartiere zu übergeben sind; das gilt auch für das Maracanã-Stadion in Rio de Janeiro oder den neu gebauten Complexo Esporte Corinthians in São Paulo. SportlerInnen werden zu lebendigen Litfaßsäulen der IOC-Sponsoren oder Trikotwerbung wird verboten, wenn es sich nicht um FIFA-Sponsoren handelt. Obwohl die wandelnden Werbeträger für schnelle Autos oder Kosmetikartikel unter neoliberalisierten Sportbedingungen auch in Brasilien zu Multimillionären werden, hat sich die brasilianische Nationalmannschaft, die Seleção, mit den Protesten solidarisiert, schweigt sich zu Sicherheitsmaßnahmen und Räumungen allerdings aus.(7)
  Dabei gehört es zu den Aufgaben der Bewerber­städte, nach den Vorgaben von IOC und FIFA Absperrungen, Sicherheitszonen von bis zu zwei Kilometern Durchmesser, Demonstrationsverbote und die geheimdienstliche Überprüfung aller Sport-Beschäftigten zu garantieren. BewohnerInnen müssen Sport- und Infrastrukturprojekten weichen,(8) und der öffentliche Raum wird durch Fanmeilen und Public Viewing zu videoüberwachtem Privatgelände für die IOC- und FIFA-Sponsoren. Es überrascht daher nicht, dass große Teile der brasilianischen Stadtbevölkerung die FIFA als Besatzungsmacht empfinden.
  Die Verträge beinhalten ferner, dass keine Entscheidung ohne die FIFA oder das IOC getroffen werden kann. Außerdem übernehmen FIFA und IOC keinerlei finanzielle Verantwortung, während beide zugleich keine Zölle, Steuern oder Abgaben zahlen müssen. Auch was die SportlerInnen dürfen oder nicht – von der erlaubten Sportkleidung bei Trainings und Wettkämpfen bis hin zu Meldeauflagen gegenüber den Sportverbänden bei Dienst- und Privatreisen –, bestimmen allein FIFA und IOC.
  Nachdem sich Rio de Janeiro schon 2004 und 2012 auf die Austragung der Olympischen Sommerspiele beworben hatte, mussten bereits dafür – also vor der erfolgreichen Bewerbung – bauliche und weitere Anforderungen der FIFA erfüllt werden.(9) Das gilt auch für São Paulo, wo die Planungen zum FIFA-Weltcup bereits dazu geführt haben, dass etwa in der Favela Comunidade da Paz 300 Familien dem modernisierten Stadionbau und 35.000 Parkplätzen weichen sollen. Vorläufer der jüngeren Umstrukturierungen sind die Panamerikanischen Spiele 2007, die zu einer ersten Runde der Disziplinierung des urbanen Raums und dessen Vorbereitung zur Kapitalverwertung führten. Silvestre und Oliveira bezeichnen diese Phase richtig als »Blitzkrieg-Planung«(10) – ein Prozess, der sich heute in allen WM-Austragungsorten beobachten lässt.
  Die im Vorfeld von WM und Olympischen Spielen von FIFA und IOC festgelegten Sportgesetze und -regeln führten etwa nach Unterzeichnung des FIFA-Vertrags 2007 dazu, dass Nationalstaat und Kommunen im Rahmen eines Sondergesetzes höhere Schulden machen dürfen. Gestrichen wurden auch die durchaus demokratischen Mitwirkungsrechte von Kommunen und Bewohnerinitiativen bei Stadtplanungsprojekten, die die beiden Sport-Events betreffen.(11) Im April 2013 erklärte FIFA-Generalsekretär Jerome Valcke dazu, »weniger Demokratie ist für die Organisation eines Welt-Cups manchmal besser«.(12)  

NEOLIBERALE ZONIERUNG DER STÄDTE 

Als weitere Maßnahme der Umstrukturierung wurden in Rio de Janeiro vier Zonen festgelegt, in denen jeweils spezifische olympische Infrastrukturen konzentriert und durch Straßen miteinander verbunden werden sollen. Im Westen von Rio werden etwa das Internationale Medienzentrum, der Olympia Park und das Olympische Dorf errichtet; allein für das Dorf wurden 113 Familien aus ihren Häusern vertrieben. In der computergenerierten FIFA-Präsentation hatte man zudem die Siedlungen von insgesamt 3.500 Familien schon »digital gelöscht«.(13) Ähnlich sieht es in São Paulo aus, wo man die dringend erforderliche Reparatur der Infrastruktur zugunsten des FIFA-Weltcup nicht umsetzt, da sämtliche Investitionen für den Zugang zur Itaquera-Arena vorgesehen sind.
  Mit ihren Maßnahmen nehmen IOC und FIFA direkt Einfluss auf das urbane Wirtschaftsleben und den Umgang mit (politischem) Protest. Während der Spiele sind den Kleingewerbetreibenden in den ›Sicherheitszonen‹ unter anderem der Handel mit Waren und der Verkauf von brasilianischen Speisen und Getränken verboten – nur die nationalen und internationalen Sponsoren erhalten Lizenzen. Zugleich setzte die FIFA durch, dass in den brasilianischen Fußballstadien während der WM Alkohol getrunken werden kann, der allerdings – ganz wie im Dekret von 1775 – kein brasilianischer sein darf, sondern ausschließlich Budweiser-Bier der US-amerikanischen Brauerei Anheuser-Busch. Als in Belo Horizonte und Fortaleza während des Confederations Cup im Juni 2013 Hunderte Polizisten mit Gummigeschossen und Tränengaskartuschen auf Demonstrierende schossen, begründete die Polizeiführung das damit, »dass sie die um die Stadien errichteten ›Sicherheitszonen‹ der FIFA schützen musste«.(14) FIFA-Präsident Sepp Blatter, der sich nicht mehr in Brasilien sehen ließ, nachdem er zur Eröffnung des Confederations Cup ausgepfiffen wurde, erklärte in der Zeitung Estado de São Paulo, der Fußball sei »stärker als die Unzufriedenheit der Menschen«, und außerdem sei Brasilien »selbst schuld, das Land hätte sich ja nicht um die WM bewerben müssen«.(15) 

  Allerdings trägt das politisch einflussreiche und kartellartig organisierte Großkapital der brasilianischen Bauwirtschaft auch unabhängig von den Sport-Events zur Vertreibung der ärmeren Bevölkerung bei – etwa in den sogenannten urbanen Revitalisierungsprojekten Port Maravilha (Wunderbarer Hafen) und dem innerstädtischen Favela-Aufwertungsprogramm Morar Carioca (beide in Rio de Janeiro). Die Investitionsprojekte in São Paulo, hier vor allem im Stadtteil Itaquera, werden offen als Gentrifizierungsvorhaben bezeichnet, die die Türen zu den ärmsten Gebieten der Stadt öffnen sollen. Die Förderung solcher Projekte verdrängt nicht nur Teile der Bevölkerung, sondern untergräbt ebenfalls den bisherigen (und zum Teil gesetzlich festgehaltenen) Kompromiss, dass die Armen weiter in der Stadt wohnen dürfen.(16) Landesweit gelten in ganz Brasilien bis zu 170.000 Menschen als von Räumungen bedroht. Das urbane Aufwertungsprogramm wird in Rio dabei begleitet von einer Polizeistrategie – Choque de Ordem (Schock der Ordnung) –, die Gentrifizierung absichern und soziale Kontrolle erweitern soll.
  Rund um die Stadien, Hotels, Trainingsflächen und sonstigen sportrelevanten Bereiche werden kommerzielle Sicherheitsdienste die Kontrolle übernehmen. Deren Zahl ist in Brasilien von 2.500 Unternehmen in 2006 auf 2.900 in 2013 gestiegen – wobei sich die Anzahl der Beschäftigten zwischen 2000 und 2012 auf rund 1,6 Millionen verdoppelt haben soll.(17) Die Eignung dieser Unternehmen für Sport-Events wird von der FIFA und nicht von der jeweiligen Lokalregierung geprüft.
  Nachdem die FIFA zudem den Um- und Neubau der Fußballstadien gefordert hat, haben einige Stadien bis zu 50 Prozent weniger Sitzplätze. Das Endspiel der WM konnten 1950 noch 200.000 Fans im Maracanã-Stadion sehen, 2014 werden es – bei deutlich erhöhten Ticketpreisen und ausgebauten VIP-Logen – nur noch 74.000 sein. Andererseits wurden an einigen der zwölf Spielorte riesige Stadien errichtet, für die nach den Spielen kein Bedarf mehr bestehen wird – sie sind die berühmten White Elephants, die auch in Südafrika bewundert werden können.
  Verboten hat die FIFA außer Werbung von Nicht-Sponsoren auch das Mitbringen von Trommeln und großen Fahnen, während sie gleichzeitig Repräsentanten der indigenen Bevölkerung aus dem Aldeia Maracanã-Museum vertreibt und öffentliche Sport- und Freizeitanlagen rund um das Maracanã-Stadion in einer profitgetriebenen Tabula rasa abreißen lässt.(18) Hinzu tritt der Ausverkauf öffentlicher Grundstücke. 1,2 Milliarden Quadratmeter – das sind 168.000 Fußballfelder oder 75 Prozent der Gesamtfläche des Olympischen Dorfs – werden nach dem Ende der Spiele zum Bau von teuren Wohnanlagen, Restaurants und Geschäften an Private verkauft.(19)

DREI-KLASSENRECHT UND KLASSENKAMPF VON OBEN 

Wie die ausschließlich auf Marktlogik ausgerichteten Sportveranstaltungen, sind auch die Straßenbauprojekte strukturiert: Sie verbinden nur die internationalen Flughäfen, die olympischen Einrichtungen (Stadien und weitere Sportstätten, Medienzentrum, Olympisches Dorf etc.) sowie innerstädtische Hotels miteinander und haben keinen Mehrwert für die alltäglichen Transportbedürfnisse der urbanen Bevölkerung; bereits mehr als 500 Familien haben durch solche Projekte ihre Wohnungen verloren.(20)
  Rund 1,1 Milliarden Euro verdiente die FIFA allein von 2003 bis zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006, für die Periode von 2011 bis 2014 wird mit vier Milliarden Euro gerechnet.(21) Im Drei-Klassenrecht der FIFA(22) kommt ein Teil der Gelder von den sechs offiziellen »FIFA-Partnern« (Adidas, Coca-Cola, Hyundai, Emirates, Sony, Visa), die jeweils 40 Millionen an die FIFA zahlen und über langfristige Verträge verfügen. Die zweite Klasse (»FIFA-Sponsoren«), die ebenfalls exklusiv in den Stadien werben darf, umfasst 2014 unter anderem McDonald’s, Budweiser, das chinesische Solarunternehmen Yingli, Castrol und den Reifenhersteller Continental; sie zahlen zusammen 96 Millionen Euro. Hinzu kommen acht brasilianische Unternehmen (»Nationale Förderer«), die jeweils 21 Millionen Euro entrichten; mit der höchsten Investitionssumme von rund 2,4 Milliarden Euro kaufen TV- und sonstige Medienunternehmen Übertragungsrechte.(23) Der mit gut 80 Prozent größte Teil der von IOC und FIFA eingenommenen Gelder wird dabei an die lokalen, nationalen und europäischen Verbände des IOC und der FIFA vergeben. Deshalb handelt es sich beim IOC und der FIFA um sehr spezielle neoliberale Organisationen.(24)
  Für eine breitere internationale Öffentlichkeit wurde spätestens im Juni 2013 – gerade wurde der Confederations Cup ausgerichtet – deutlich, dass die Kämpfe in Brasilien für bessere Lebensbedingungen sich zwar an Fahrpreiserhöhungen entzündeten, aber auch gegen die Folgen der geplanten Mega-Events FIFA-WM und Olympische Sommerspiele richteten. Vielfältige Netzwerke in den Favelas wehren sich u.a. gegen Korruption, schlechte Gesundheitsversorgung, steigende Lebenshaltungskosten, die grassierende Polizeigewalt, kämpfen für die Rechte von Frauen, Homosexuellen und Indigenen und fordern ein ›besseres Leben‹.(25)
  In den Favelas von Rio de Janeiro leben rund 25?Prozent der acht Millionen Cariocas. Seit 2008 besetzen mittlerweile 8.600 Polizisten in 36 Sondereinheiten der Befriedungspolizei Unidades de Polícia Pacificadora (UPP) mehr und mehr Favelas – bisher sind es 170. Den UPP hat die Regierung über ein Rahmengesetz zur WM willkürliche Festnahmen erlaubt und sie mit Schusswaffen der österreichischen Waffenfirma Glock ausgerüstet; Berichte über Verschwundene, Folter und Erschießungen durch die Polizei nehmen zu.(26) Allein während der Juni-Proteste 2013 erschoss die Polizei nach Presseberichten zehn Cariocas in der Favela Complexo da Maré. Bis zur WM soll auch diese Favela mit ihren 130.000 BewohnerInnen von den UPP und der Militärpolizei Batalhão de Operações Policiais Especiais (BOPE) unter polizeiliche Kontrolle gebracht werden – im April 2014 ist damit begonnen worden.
  Das erste Mal seit 1988 soll es wieder Ausnahmegesetze geben, die den Begriff »Terroris­mus« neu einführen,(27) und im Juni 2013 hat der brasilianische Geheimdienst in Vorbereitung auf die Spiele und als Reaktion auf die Proteste begonnen, eine Datenbank von Protestierenden auf der Basis von Facebook, Twitter und anderen sogenannten Sozialen Netzwerken anzulegen.(28) Diese Maßnahmen zur Pazifizierung des urbanen Raums stellen vor dem Hintergrund von WM und Olympia zugleich einen lukrativen Markt für die globale Sicherheitsindustrie dar. 

FIFA-WELTMEISTERSCHAFT: MESSE DER ÜBERWACHUNGS- UND KONTROLLINDUSTRIE 

Und tatsächlich sind Fußball-Weltmeisterschaften und Olympische Sommerspiele auch zu Messen der Überwachungs- und Kontrollindustrie geworden: Neue Produkte werden erprobt und bewährte verkauft.(29) Die Kosten für beide Events werden zusammen auf bis zu 40 Milliarden Euro geschätzt. Für die Fußball-WM sind bisher insgesamt rund elf Milliarden Euro vorgesehen, allein für den Posten Sicherheit knapp eine Milliarde. So liefert der Sicherheitsausrüster Condor für 16,5 Millionen Euro(30) neben Pfefferspray auch 2.000 Kurz- und 500 Fernwaffensysteme zum Abschuss von Gasgranaten und Tränengas sowie 1.800 Taser-Waffen(31) und rund 8.300 Blendschock- und Akustikgranaten.(32)
  Siemens liefert Zugangs- und Überwachungssysteme für Fußballstadien, und »zur Sicherung der Sportveranstaltungen« kauft Brasilien von der deutschen Regierung 34 gebrauchte Flugabwehrkanonenpanzer für rund 30 Millionen Euro.(33) Erworben hat die brasilianische Regierung von der israelischen Firma Elbit Systems außerdem vier unbemannte Luftfahrzeuge, sogenannte Drohnen, im Wert von 18,5 Millionen Euro. Nicht zuletzt konnte die US-amerikanische Firma iRobot 30 unbemannte Roboter für 3,7 Millionen Euro an die brasilianischen Sicherheitskräfte verkaufen, die bisher nur in Afghanistan und im Irak sowie im japanischen Atomreaktor von Fukushima zum Einsatz kamen.(34)
  Immerhin, es gibt Widerworte und Solidarität sowie Gruppen, die wie die ›Recht auf Stadt‹-Bewegung für ein besseres Leben kämpfen. Proteste gegen Fußball-WM und Olympische Spiele gibt es schon seit den 1930er Jahren – und sie waren auf unterschiedlichen Ebenen auch erfolgreich. Gegen ›the games must go on‹, diesen überheblichen IOC-Slogan von 1972 und das FIFA-Gerede von der ›Fußball-Familie‹ regt sich überall Protest und Widerstand – und dass jüngere Stationen beider Events autokratische Regime wie China, Katar und Russland gewesen sind bzw. sein werden, ist kein Zufall. Aber es wird noch etwas dauern, bis sich die Funktionäre nicht mehr aus ihren Schweizer Löchern trauen und niemanden mehr finden, der ihnen ihre Trojanischen Pferde abkauft.

Volker Eick ist Politikwissenschaftler und Mitglied im Erweiterten Vorstand des RAV.

Fußnoten

(1)  S. Zweig: Brasilien – Ein Land der Zukunft. Frankfurt/M. 1981 [1941]: 73.
(2) Der Beitrag ist der gekürzte Nachdruck aus der Zeitschrift Abwärts, 1(1), 2014.
(3) E. Sader; K. Silverstein: Without Fear of Being Happy. London 1991; S. Branford; B. Kucinski: Lula and the Workers Party in Brazil. New York 2005.
(4) A. Saad Filho: »The Mass Protests in Brazil«. Socialist Project, 851(7), 2013; C. Vainer: »Mega-Events, Mega-Businesses, Mega-Protests in Brazil«. Socialist Project, 859(8), 2013.
(5) C. Gaffney: »Mega-events and socio-spatial dynamics in Rio de Janeiro, 1919-2016«. Studies of Latin-American Geography, 9(1), 2010; C. McMichael: »Hosting the world«. CITY, 16(5), 2012; P. Pattisson: »Revealed: Qatar’s World Cup ›slaves‹«. The Guardian, 25.9.2013.
(6) Coubertin [1890], zitiert nach T. Alkemeyer: »Die Wiederbegründung der Olympischen Spiele als Fest einer Bürgerreligion«. In: G. Gebauer (Hg.): Olympische Spiele. Frankfurt/M.: 1996: 73.
(7) T. Käufer: »Blatters Fehleinschätzung«. FAZ, 21.6.2013.
(8) In einigen Teilen von Rio de Janeiro konnten Zwangsräumungen durch die BewohnerInnen bisher verhindert werden; vgl. C. Russau: »Erfolge der anhaltenden Proteste in Rio de Janeiro« (10.8.2013), tinyurl.com/khm5av3 [24.04.2014]; an anderen Orten, wie etwa in Recife, werden die Maßnahmen aber umso rücksichtsloser umgesetzt, vgl. Comitê Popular da Copa em Pernambuco: »Sie reißen die Häuser einfach binnen 15 Tagen ein« (19.8.2013), tinyurl.com/qhmm97y [24.04.2014].
(9) V. Eick: »A Neoliberal Sports Event? The FIFA from the Estadio Nacional to the Fan Mile«. CITY, 14(3), 2010.
(10) G. Silvestre; N. Gusmão de Oliveira: »The revanchist logic of mega-events«. Visual Studies, 27(2), 2012: 209.
(11) U. Grunert: »Ungefragt überplant«. iz3w, 42(332), 2012: 25.
(12) M. Amaral; V. Natalia: »Why Are Brazilians Protesting the World Cup?«. The Nation, 21.6.2013.
(13) Vgl. Fn 10: 207.
(14) Zit.n. Fn 12.
(15) T. Käufer: »Blatters Fehleinschätzung«. In: FAZ, 21.6.2013.
(16) M. Lopes de Souza: »Panem et circenses versus the right to the city (centre) in Rio de Janeiro«. CITY, 16(5), 2012.
(17) C. Gaffney: »Complexo Industrial de Segurança Pública + mega-eventos esportivos« (07.2.2014), tinyurl.com/qjymmpp [24.04.2014].
(18)   S. Moreira (2013): »Brazil’s World Cup Construction Threatens Indigenous ›Living Museum‹« (16.01.2013), tinyurl.com/ncqchzw [24.04.2014].
(19) Vgl. Fn 10: 207.
(20) Ebd.
(21) Vgl. »FIFA Revenue Estimated to be 4 Billion Dollars at the Close of the 2014 World Cup«, tinyurl.com/o98huqq [24.04.2014].
(22) Vgl. de.fifa.com/worldcup/organisation/partners/index.html [24.04.2014].
(23) Weitere 1,5 Milliarden Euro erwartet die FIFA – ebenfalls für den Zeitraum von 2011 bis 2014 – aus Marketing-Erlösen.
(24) V. Eick: »A Neoliberal Sports Event?«. In: CITY, 14(3), 2010.
(25) Vgl. Fn 16.
(26) M. Rüb: »Befriedung«. Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 17.10.2013: 8.
(27) T. Minami (2013): »A Giant Hole in Brazil’s Anti-Terrorism Policy for World Cup, Olympics«. Folha de S. Paulo, 12.4.2013.
(28) M. Amaral; V. Natalia: »Why Are Brazilians Protesting the World Cup?« The Nation, 21.6.2013.
(29) Vgl. C. Bennett; K. Haggerty (Hg.): Security Games. New York 2011; P. Fussey et al.: Securing and Sustaining the Olympic City. Farnham 2011.
(30) Condor beliefert auch die türkische Polizei mit Gasgranaten und Pfefferspray, die während der Proteste auf dem Taksim-Platz in Istanbul zum Einsatz kamen; vgl. B. Fonseca; N. Viana: »Bomba brasileira na pele turca« (05.06.2013), tinyurl.com/np29a9u [24.04.2014].
(31) Vgl. V. Eick: »Weiche Waffen für eine harte Zeit?«. Kritische Justiz, 45(1), 2012.
(32) M. Amaral; V. Natalia: »Why Are Brazilians Protesting the World Cup?« The Nation (21.06.2013), tinyurl.com/lnp3tx3 [24.04.2014].
(33) Spiegel-Online: »Brasilien kauft deutsche Panzer für Fußball-WM« (12.04.2013), tinyurl.com/cbloopq [24.04.2014].
(34) V. Eick: »(Blood) Boosting Profits«. In: C. Gaffney (Hg.), Nacional Metropolização e Megaeventos, i.E.

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