Globalität statt Ethnisierung des Sozialen

medico international

Dieses medico-Positionspapier entstand als Diskussionsgrundlage für das Symposium "Der Andere als Sicherheitsrisiko", zu dem die stiftung medico international am 2, Juni 2006 nach Frankfurt/M. eingeladen hatte. Wir dokumentieren es und geben den Wunsch Medicos wieder, Zustimmung oder Ablehnung zu äußern.
 
Paradoxe Zeiten: Während erstmals in der Geschichte weltbürgerliche Verhältnisse aufscheinen, in denen ein von nationalen Grenzen befreites Zusammenleben aller Menschen möglich wäre, zeugen wachsende Ressentiments und Feindbilder von tiefgreifenden Spaltungen. Im Zuge der ökonomischen Globalisierung ist die Welt zwar näher zusammengerückt, doch nimmt die Zahl derer, für die es in dieser Welt keinen Platz zu geben scheint, auf dramatische Weise zu.

Prekäre Zeiten: Unter dem Druck zunehmender Ungleichheit verkümmert die Idee allgemeiner Freiheit zur partikularen Freizügigkeit von einigen Wohlhabenden und Privilegierten. Die anderen bleiben gefangen in der Abhängigkeit von wirtschaftlichen und staatlichen Mächten, werden Opfer einer anonymen, verwalteten Welt oder fallen ganz heraus und werden im Extrem "vogelfrei" auf ihr nacktes Leben reduziert. Die tiefe soziale Spaltung spiegelt sich in der Zunahme manichäischer Weltbilder. Längst bedrohen Engstirnigkeit und Vorurteile auch die Grundfesten von Toleranz und Aufklärung. Dabei stehen auch die normativen Kategorien des Rechts und der Rechtssicherheit zur Disposition. Die Idee gleicher Rechte wird zunehmend von einem politisch motivierten Sicherheitsdiskurs überlagert, dem "Gefahrenabwehr" über alles, auch über das Recht geht. Das Streben nach Sicherheit gründet sich nicht mehr auf eine Politik des Ausgleichs und der Integration, sondern auf vielschichtige Ausgrenzungsstrategien, zu denen auch eine forcierte Identitätspolitik gehört, die absichtsvoll Bedrohungsgefühle, Feindbilder und Ressentiments schürt.

Gefährliche Zeiten: Viele der gegenwärtig in der Welt eskalierenden Konflikte – die Kriege, der Terrorismus, die Gewalt gegen Frauen, Minderheiten und Obdachlose – werden angefeuert von der Illusion einer Identität, die jeweils einzigartig sei und keine andere Wahl ließe. Die Ressentiments aber, die sich auf die Anderen richten, speisen sich nicht aus einem vermeintlichen Anderssein, sondern aus dem, was den Menschen an sich selbst fremd ist. Sie entstammen jenem unbewussten "inneren Ausland" (Freud), in das die destruktiven Regungen abgeschoben werden, die mit der Angst vor zunehmender sozialer Unsicherheit einhergehen. Entlastung bietet die Projektion von Schuld und Hass auf jene, die noch mehr als man selbst "Opfer" sind und zugleich für die Bedrohung der eigenen Existenz verantwortlich gemacht werden können. In der Zunahme nationalistischer Ressentiments und Fremdenfeindlichkeit kommt so vor allem der Grad der inzwischen eingetretenen Zerstörung des Sozialen zum Ausdruck.

Verlorene Zeiten: In dem Maße, wie in der Welt die Gewalt eskaliert, nehmen auch die Fundamentalismen zu, mit denen sich die Gewalt zu rechtfertigen versucht. Dabei korrespondieren die religiösen Fundamentalismen der einen Seite mit der bigotten – aber nicht weniger fundamentalistischen – Heuchelei der anderen. Überall werden neue Mauern errichtet, um die prosperierenden Sphären der Welt von denen der "Überflüssigen" zu trennen. Während sich die Wohlhabenden in abgesicherten "gated communities" einrichten und den Menschen draußen jede Befähigung zu Modernität und Demokratie absprechen, scheint denen, die ausgeschlossen werden, nur die Flucht in die "Irrationalität" zu bleiben. Das Gerede vom "Kampf der Kulturen", der sich auf die vermeintliche Unverträglichkeit unterschiedlicher Lebensweisen gründet, ist nichts anderes als der perfide Versuch, aus der sozialen Spaltung Kapital für den jeweiligen Machterhalt zu schlagen. Tatsächlich aber verträgt sich der Islam, wie alle anderen Weltreligionen, ebenso wenig mit "Terrorismus" wie die Pressefreiheit mit rassistischer Brandstifterei im Interesse kommerzieller Auflagenerhöhung. Den Protagonisten des "Kampfes der Kulturen" geht es weder um die Verteidigung religiöser Ideale, noch um die Rettung der Moderne, sondern allein um die Aufrechterhaltung eines prekären Status Quo, der sich auf Ausschluss und Demütigung gründet und deshalb äußerer Feinde bedarf.

Moderne Zeiten: Feindbilder sind keine guten Ratgeber. Ressentiments verstellen den Blick für die komplexer gewordene Wirklichkeit. Schnell geschürt, sind sie kaum wieder aufzulösen. Die Konflikte in den Vororten von Paris, im Norden Nigerias, im Nahen und Mittleren Osten, an der Grenze der USA, in Afghanistan und entlang der nordafrikanischen Küste machen nur deutlich, dass die Welt nicht weiterer Zäune und trennender Sicherheitstechnologie bedarf, sondern einer gemeinsamen Perspektive, die allen Menschen die Teilhabe an einer modernen Globalität und damit ein Leben in Würde ermöglicht – an jedem Ort. Dabei ist die gegenseitige Kritik unterschiedlicher Lebensweisen fraglos notwendig – sie gelingt aber nur dort, wo Respekt und Empathie, nicht aber Unkenntnis, Fanatismus und selbstzufriedene Überheblichkeit herrschen.

Aufklärung ist auch weiterhin Ziel und Aufgabe zugleich. Gerade in schwierigen Zeiten gilt es, sich mit all jenen in der Welt zu verbinden, die selbst noch unter scheinbar aussichtslosen gesellschaftlichen Umständen für die Befreiung aller Menschen aus Not und Unmündigkeit streiten. Die Rettung der Demokratie gelingt nicht über die Rechtfertigung des Bestehenden, sondern nur über ihre Ausweitung und Weiterentwicklung. Dazu gehört die Gleichheit der sozialen und politischen Rechte – global. Unbedingt ist es notwendig, sich jeglicher Identitätspolitik und aller polarisierenden Ressentiments zu entziehen und dabei jeweils mit der eigenen Haltung den Anfang zu machen. Eine andere Welt, die weder von Ressentiments, noch von Übervorteilung oder Ausgrenzung bestimmt wird, ist nicht nur möglich, sondern längst da. Sie lebt in selbstbestimmten Projekten und neuen Lebensformen, deren Ziel das solidarische und emanzipierte Miteinander über alle Grenzen hinweg ist – die Entfaltung eines Nicht-Identischen als unbedingte Voraussetzung für Freiheit und Entwicklung.