Daimler-Benz und die Argentinien-Connection

Wolfgang Kaleck

Die in Montevideo und Buenos Aires lebende Journalistin Gaby Weber hat mit ihren Recherchen zu Mercedes Benz in Argentinien den Fall der verschwundenen Gewerkschafter im Jahre 1999 aufgedeckt. Im Jahre 2001 erschien ihr erstes Buch zu diesem Komplex: "Die Verschwundenen von Mercedes-Benz" (Assoziation A Berlin/Hamburg 2001). Im Jahre 1999 wurde - gestützt auf ihre Recherchen - die Strafanzeige gegen den damaligen Werksleiter Juan Tasselkraut bei der Staatsanwaltschaft Nürnberg-Fürth eingereicht. Das Verfahren ist mittlerweile eingestellt worden. Der Rechtsanwalt der Familienangehörigen der Verschwundenen in Deutschland, Wolfgang Kaleck/Berlin, hat beim Oberlandesgericht Nürnberg-Fürth dagegen das Klageerzwingungsverfahren eingereicht. In Argentinien schwebt ein staatsanwaltschaftliches Ermittlungsverfahren gegen die Verantwortlichen von Mercedes-Benz und der gelben Automobilarbeitergewerkschaft SMATA wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung. In den USA wurde Anfang 2004 eine zivile Schadensersatzklage von zahlreichen Angehörigen der verschwundenen Gewerkschafter eingestellt. Daimler-Chrysler hat einen Großaufgebot an professoralen Gutachtern und Rechtsanwälten bemüht mit dem vorläufigen Erfolg, dass das Oberlandesgericht Karlsruhe untersagt hat, die Klage in Deutschland am Hauptsitz von Daimler-Chrysler zuzustellen. (vgl. zu dem gesamten Komplex die hervorragende Dokumentation aller Verfahren bei www.labournet.de/branchen/auto/dc/ar/index.html).

Der Fall der verschwundenen Gewerkschafter von Mercedes-Benz ist mittlerweile nicht nur in Deutschland, sondern in mehreren lateinamerikanischen Ländern als emblematischer Fall der Kooperation eines multinationalen Unternehmens und einer Militärdiktatur geworden. Angesichts eines solchen Erfolges ist es nur verständlich, dass Gabi Weber seit 1999 unentwegt zu den Geschäftsgebaren der Firma in Argentinien recherchiert. In dem ihrem Buch zu diesem Komplex werden in den letzten Kapiteln die aktualisierten Erkenntnisse zur Verwicklung von Mercedes Benz in den Militärputsch 1976 und das Verhalten der Firma danach.

Gaby Weber legt mit ihren Recherchen dar, wie über die so genannten "Rattenlinien" nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches bis zu 50.000 Nationalsozialisten nach Argentinien ausgewandert sind. Diese Tatsache ist spätestens seit der Verhaftung des Kriegsverbrechers Erich Priebke in dem idyllischen argentinischen Bariloche und seiner anschließenden Auslieferung nach Italien (vgl. en.wikipedia.org/wiki/Erich_Priebke) bekannt. Was weniger bekannt sein dürfte, sind die Geld- und Maschinentransfers, die von großen deutschen Firmen bereits im Kriege vorbereitet wurden und nach dem Krieg über neutrale Länder wie Schweiz und Schweden abgewickelt wurden. Gaby Weber hat mit Jorge Antonio den Mann interviewt, der Mercedes Benz in Argentinien 1951 gegründet hat. Offiziell durften die Deutschen keine Filiale in Argentinien gründen. Jorge Antonio diente ihnen also als Strohmann. Aus einem geplanten Lastwagenwerk wird innerhalb weniger Jahre ein dreistelliges Millionenimperium. Gabi Weber legt plausibel dar, welche Indizien dafür sprechen, dass vor allem in den Jahren 1951 - 1953 aus versteckten Nazi-Vermögen und vor dem Zugriff der Alliierten versteckte Sachwerte zum Aufbau von Mercedes Benz nach Argentinien verbracht wurden. Dies soll mit geschmuggeltem Bargeld, überhöhten Preisen sowie manipulierten Wechselkursen unter Mitwirkung des deutschen und des argentinischen Staates vonstatten gegangen sein. Die erzielten Gewinne konnte die Muttergesellschaft von Daimler-Chrysler in Deutschland als Exporteinnahmen des Unternehmens verbuchen. Der Stern des Strohmannes Jorge Antonio ging allerdings schnell unter, und zwar mit dem Ende der peronistischen Regierung 1955. Jorge Antonio musste Perón ins spanische Exil folgen.

Spannend liest sich eine Dokumentation eines Prozesses, der im Anschluss an die Beschlagnahme von MBA 1955 - 1957 in Argentinien geführt wurde. In einzigartiger Weise wurde durch ein argentinisches Gericht das Geschäftsgebaren eines Großunternehmens untersucht. Dies mag auf Seiten der neuen Militärmachthaber in Argentinien auch einen politischen Hintergrund gehabt haben, da die Firma Mercedes Benz eng mit der Regierung Peróns verbunden war. In vielleicht typischer argentinischer Weise konnte der Konflikt dadurch beigelegt werden, dass sich die deutsche Zentrale von Mercedes Benz und die argentinische Regierung auf einen außergerichtlichen Vergleich einigten. Es wurde eine Entschädigungssumme in nicht bekannter Höhe bezahlt.

Gaby Weber zieht am Ende ihrer zweiten großen Veröffentlichung über den Weltkonzern Daimler-Chrysler ein pessimistisches Resümee: "Haben die Deutschen - Kritiker inklusive - nicht von den Früchten des nationalsozialistischen Raubzuges profitiert, auch jene Deutschen, die sich in der Gnade der späten Geburt wiegen? Und müssen wir, die Nachkriegsgenerationen im Grunde nicht dankbar sein, dass uns der Morgenthau-Plan erspart geblieben und mit dem schmutzigen Geld das Wirtschaftswunder aufgebaut worden ist? Es ist bequemer, dieser Frage nicht nachzugehen, sondern weiter an den Mythos der deutschen Werte zu glauben - Arbeit, Fleiß, Genügsamkeit. Wer will uns zwingen, Fragen zu stellen und Antworten einzufordern? Es gibt keine Pflicht zur Wahrheit.

Gaby Weber
Daimler-Benz und die Argentinien-Connection
Von Rattenlinien und Nazigeldern
Assoziation A. Berlin/Hamburg
Oktober 2004