Die Perspektiven des Opfers

Dominique John und Jonas Frykman

Der Verein Opferperspektive arbeitet seit 1998 in der Beratung von Opfern rechtsextremer Gewalt in Brandenburg. Das Ziel des Vereins ist es, den Opfern professionelle Hilfe zukommen zu lassen und sie dabei zu unterstützen, nach der Viktimisierung aktiv die Folgen des Angriffes zu überwinden. Dazu gehört neben der sozialen Beratung und Betreuung auch das Auslösen von Solidarisierungsprozessen im sozialen und politischen Umfeld. Die Arbeit mit Opfern steht neben der Sicherung einer professionellen individuellen Hilfe auch vor der Herausforderung, der in der Gewalt intendierten Wirkung der kollektiven Einschüchterung und Vertreibung und der damit verbundenen Gefahr für eine demokratische Zivilgesellschaft entgegenzuwirken.
"Die Zahl rechtsextremer Taten ist laut Statistiken gesunken", titelte am 04. Januar 2003 die Frankfurter Rundschau. Die Länderinnenminister hatten für das Jahr 2002 durchgehend rückläufige Zahlen rechtsextremer Straf- und Gewalttaten gemeldet. In Brandenburg erkannte Innenminister Jörg Schönbohm (CDU) einen Rückgang von 23% im Vergleich zum Vorjahr. Nur wenige Wochen später, am 13. Februar 2003, war in der gleichen Zeitung zu lesen: "Die Zahl rechtsextremer Straftaten ist im vergangenen Jahr erneut gestiegen." Zahlreiche Nachmeldungen hatten ergeben, dass rechtsextreme Gewalt- und Propagandadelikte überall zugenommen hatten. In Brandenburg verzeichneten die Behörden nun einen Anstieg von 8%.

Alltagsrassismus und Vollstreckergewalt

Die Korrektur der Brandenburger Statistik ging auf die Veröffentlichung der Jahresbilanz des Vereins Opferperspektive zurück. Im Januar 2003 fanden acht nicht angezeigte Fälle der insgesamt 121 von der Brandenburger Beratungsstelle registrierten Angriffe nachträglich Eingang in die polizeiliche Statistik. Auch wenn die Opferperspektive immer noch 40 Angriffe dokumentiert hat, die nicht in der offiziellen Statistik auftauchen: Die Beratungsstelle kann auch nur den Bruchteil der Fälle erfassen, der durch Medien, Kooperationspartner und Opfer berichtet wird. Die Spitze des Eisbergs: Mindestens alle drei Tage schlägt der rechtsextreme Hass auf alles Andere, Fremde und Schwache in Brandenburg in offene Gewalt um.
Die Täter sind, so die Brandenburger Justizministerin Barbara Richstein in ihrer Rede auf der Tagung "Opferschutz bei rechtsextremistischen und fremdenfeindlichen Straftaten" am 15. Februar 2003 in Potsdam, "fast ausschließlich junge Männer unter 25 Jahren". Und diese jungen Männer sind in einem Kontext sozialisiert, in dem das Vorurteil gegen Fremde eine gesellschaftliche Norm bildet: 42% von 1001 befragten Ostdeutschen sind der Auffassung, die Bundesrepublik sei "durch die vielen Ausländer in einem gefährlichen Maß überfremdet", so ein Ergebnis der im April 2002 veröffentlichten Studie "Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland" der Freien Universität Berlin und der Universität Leipzig. In diesem gesellschaftlichen Umfeld fühlen sich die Schläger hinreichend legitimiert, das vermeintlich "gesunde Volksempfinden" zu vollstrecken.

Kollektive Viktimisierung

Nach den Recherchen des Vereins Opferperspektive wurden im Jahr 2002 in Brandenburg mindestens 140 Menschen direkte Opfer von 121 rechtsextremen und rassistischen Angriffen. Über die körperliche Verletzung und die psychische Traumatisierung der einzelnen Opfer hinaus entfalten diese Angriffe erhebliche Wirkungen auf deren soziales Umfeld. Zeugen, Angehörige und Freunde werden mit der Gewalt konfrontiert. Dass von den 182 im Jahr 2002 neu hinzugekommenen Klienten der Opferperspektive 81 direkte Opfer und 101 sekundär Betroffene waren, die teilweise sehr intensiv betreut werden mussten, gibt einen Hinweis auf die Folgen der Gewalt im direkten sozialen Umfeld.
Doch nicht nur das unmittelbare soziale Umfeld eines Betroffenen wird bei einem Angriff in Mitleidenschaft gezogen. In aller Regel ist die Intention der Angriffe nämlich nicht, ein bestimmtes Individuum zu treffen. Vielmehr richten sie sich gegen tatsächliche oder vom Täter vorgestellte Kollektive, die als "unwert" oder "undeutsch" angesehen werden. Die Angreifer üben mit ihrer Tat nicht nur einen direkten Einfluss auf die angegriffene Person aus, sondern auf eine ganze Gruppe von Menschen. Daher ist bei rechtsextremer Gewalt von einer stellvertretenden Viktimisierung von Opfergruppen auszugehen. Das spiegelt sich in der Beratungsarbeit der Opferperspektive wieder, wenn einzelne Angriffe Auslöser dafür sind, dass zahlreiche potentielle Opfer beraten werden müssen.
Bei Opfern rassistisch motivierter Angriffe sind die Folgen der Gewalt oft besonders stark, weil der Angriff die erlebte gesellschaftliche Ausgrenzung und alltäglicher Diskriminierung zu bestätigen scheint. Asylsuchende, die von Gutscheinverpflegung und Heimunterbringung betroffen sind und durch Arbeitsverbote und Aufenthaltsbeschränkungen in soziale Isolation gezwungen werden, neigen dazu, sich als Opfer der deutschen Verhältnisse zu empfinden. Auf Grund negativer Vorerfahrungen mit staatlichen Behörden werden viele Angriffe nicht zur Anzeige gebracht. Das gilt noch stärker, wenn sich der Angriff außerhalb des als Aufenthaltsort zugewiesenen Landkreises ereignet, weil so eine Verletzung der Residenzpflicht offenbar würde.
Über 50 Prozent der von der Opferperspektive recherchierten Opfer sind deutsche Staatsbürger, die allermeisten davon "nicht-rechte Jugendliche". Jugendliche, die sich dem rechten Lebensstil nicht anpassen, werden bedroht und verdrängt. Jugendclubs, die sich nicht zumindest "neutral" verhalten, werden attackiert. Schüler, die offen demokratische oder linke Ansichten vertreten, gelten als "Zekken". Dieser Kampf wird auf fast jedem Schulhof, in vielen Jugendclubs, auf Tankstellen und Marktplätzen geführt. Gewalt und die Drohung mit Gewalt sind die zentralen Mittel zur Etablierung und Aufrechterhaltung rechter Hegemonie. Berücksichtigt man diesen Hintergrund, so sind vergitterte Jugendclubs nicht Ausdruck von Verrohung und Gewalt unter Jugendlichen, sondern schlicht eines demokratischen Abwehrkampfes. An vielen Orten in Brandenburg ist der rechtsextreme Mainstream bereits alternativlos. Wer keinen Ärger will, passt sich an.

Die Arbeit der Opferperspektive

In Politik, Sozialarbeit und Medien wurde das Handeln der rechtsextremistischen Täter insbesondere in der ersten Hälfte der 90er Jahre überwiegend mit ihren schlechten Berufsperspektiven, fehlenden Jugendeinrichtungen und Versäumnissen im Elternhaus erklärt. Oft ist als Tatmotivation schlicht eine allgemeine Verrohung und Alkoholkonsum genannt worden. Dem gegenüber gerieten die Opfer der Taten und die dringend notwendigen Veränderungen ihrer Lebensumstände allzu häufig aus dem Blickfeld. Durch zivilgesellschaftliches Engagement zahlreicher lokaler Aktionsgruppen und Bündnisse, das von der Landesregierung 1998 geschaffene Handlungskonzept "Tolerantes Brandenburg" und nicht zuletzt durch die Arbeit der Opferperspektive ist eine gewisse Sensibilisierung für Opfer rassistischer Gewalt spürbar. Allerdings neigen insbesondere Kommunalpolitiker und die Polizei immer noch stark dazu, Angriffe auf nicht-rechte Jugendliche als Auseinandersetzungen zwischen rivalisierenden Jugendgruppen anzusehen.

Erfahren die Mitarbeiter der Opferperspektive über Medien, Dritte oder die Betroffenen selbst von einem Angriff, versuchen sie Kontakt zu den Opfern und deren Umfeld aufzunehmen. Gelingt dies, so wird in der Regel eine erste Beratung vor Ort angeboten. Das Konzept der aufsuchenden Beratung hilft, Schwellenängste zu überwinden. Sich vor Ort mit den Angegriffenen zu treffen, verschafft den Mitarbeitern der Opferperspektive darüber hinaus eine gute Möglichkeit, die Gesamtsituation besser erfassen zu können.
Zu Beginn der Beratungsgespräche stehen immer die konkrete Tat und die Lage vor Ort im Mittelpunkt. Dabei zeigt sich immer wieder, dass es für die Betroffenen oft eine sehr große Bedeutung hat, dass sich jemand von außerhalb für ihr Problem interessiert. Wie sich das konkrete Unterstützungsangebot gestaltet, richtet sich dann vor allem nach den Bedürfnissen der Betroffenen.

Hilfe und Begleitung

Da nur die wenigsten Opfer über Erfahrungen mit dem Rechtssystem verfügen, erklären die Mitarbeiter der Opferperspektive dessen Aufbau und Funktion. Sie erörtern mögliche juristische Schritte, suchen gegebenenfalls Zeugen der Tat und helfen, Anwälte zu finden, die die Betroffenen bei einer Nebenklage gegen den Täter vertreten. Wenn es notwendig ist, wird ein Dolmetscher gestellt. Mit der Nebenklage nehmen die Opfer eine aktive Rolle im Strafverfahren ein und können durch anwaltliche Vertretung der Gefahr begegnen, in der Verhandlung als Zeuge vom Opfer zum Täter gemacht zu werden. Ist ein Prozesstermin festgesetzt, besprechen die Mitarbeiter der Opferperspektive mit den Betroffenen den zu erwartenden Ablauf des Prozesses und achten darauf, dass der Kontakt zur anwaltlichen Vertretung nicht abreist. In vielen Fällen gewährt eine Begleitung der Betroffenen zum Prozess Schutz auf dem Weg zum Gericht und im Gebäude. In vielen Fällen gelingt es erst durch eine solche intensive Unterstützung, bei den Betroffenen genügend Selbstvertrauen und Mut aufzubauen, um in Anwesenheit der Täter über das Erlebte vollständig auszusagen.
Darüber hinaus bietet ein Strafprozess häufig eine gute Gelegenheit, die Sicht der Opfer über die Medien zu verbreiten, ein Anliegen, welches viele der Opfer haben. Der Umgang mit Medienvertretern gestaltet sich jedoch häufig kompliziert. Der Einzelne ist in aller Regel überfordert, insbesondere dann, wenn gleichzeitig eine Konfrontation mit den Tätern im Gerichtssaal bevorsteht. Je nach Fall und je nach den Bedürfnissen der Betroffenen schlägt die Opferperspektive eine Strategie zum Umgang mit Medienvertretern vor. Diese kann eine offensive Öffentlichkeitsarbeit und die direkte Ansprache von Medienvertretern bedeuten, sie kann jedoch auch daraus bestehen, die Opfer vor der medialen Öffentlichkeit abzuschirmen.
Ein weiteres Feld der Unterstützung ist die Hilfe zum Verlassen eines Ortes, wenn sich die Opfer weiterhin in Gefahr sehen. Dies spielt insbesondere bei Flüchtlingen eine große Rolle, die über die Residenzpflicht an einen Landkreis gebunden sind. Bei Betroffenen, die posttraumatische Belastungsstörungen aufweisen, bemüht sich die Opferperspektive, einen Kontakt zu Einrichtungen herzustellen, in der entsprechend geschulte Psychologen zur Verfügung stehen. Solche Einrichtungen existieren in Berlin, Frankfurt (Oder) und Potsdam. Auch hier gestaltet sich die Vermittlung entsprechender Hilfe an Asylsuchende aufgrund der staatlichen Sondergesetzgebung (Asylbewerberleistungsgesetz) immer wieder als besonders komplizierte und zeitintensive Angelegenheit.

Elemente einer demokratischen Strategie

Die Opferperspektive sieht die Unterstützung von Opfern rechtsextremer Gewalt als notwendigen Teil einer umfassenden Strategie gegen Rassismus und Rechtsextremismus.
Die Beratung und praktische Unterstützung der Opfer soll die Folgen der Angriffe für die Opfer erträglicher machen und der Einschüchterung und Demütigung entgegenwirken. Darüber hinaus wird angestrebt, im Prozess der Unterstützung lokale Netzwerke zu bilden, die für Opfer und potentielle Opfergruppen eine gewisse Schutzfunktion einnehmen können.
Die Teilnahme der Opferperspektive, zum Teil mit den Betroffenen, an lokalen Bündnissen führt zu einer Konfrontation mit der Perspektive der Opfer. Dadurch werden Stadtverwaltungen, politische Funktionsträger und andere aktivierbare Potentiale der Zivilgesellschaft dazu gedrängt, sich ernsthaft mit dem Problem auseinander zu setzen.
Die Angriffe werden in den Zusammenhang der institutionellen und nichtinstitutionellen Diskriminierung und Ausgrenzung gestellt. So kann die rechtsextremistische und rassistische Gewalt in ihrem gesellschaftlichen Kontext begriffen werden. Die relativierenden und negierenden Diskurse werden kritisiert. Dazu gehören die Einordnung des Angriffs in ein Panorama der Bedrohung der Gesellschaft durch Extremisten von links und rechts, die Klassifizierung der Gewalt als "jugendspezifisch" oder als "Randgruppenphänomen", die Diskurse vom "alkoholisierten Einzeltäter" und vom "Modernisierungsverlierer".
Durch die Intervention der Opferperspektive in lokale Bündnisse können Entsolidarisierungsprozesse mit den Tätern und ihrem Umfeld gefördert werden. Nötig ist hier nicht Verständnis für die Probleme des Täters, sondern ein Entzug jeglichen Respekts. Die Täter müssen durch soziale Nachteile für ihr Leben erfahren, dass rechtsextremistische und rassistische Gewalt in keiner Weise legitim ist.

Informationen:

opferperspektive.de

Spenden:

Der Verein Opferperspektive ist zur Sicherung der Beratung von Opfern rechtsextremer Gewalt auf Spenden angewiesen. Da Opferperspektive e.V. als gemeinnützig anerkannt ist, sind Zuwendungen steuerlich absetzbar. Bitte spenden Sie auf das Konto 350 202 3041,
Mittelbrandenburgische Sparkasse Postdam,
BLZ 160 500 00.